Bereitschaft vs. Bedürftigkeit


Was du als spirituell erwachtes Wesen zum gelebten Ausdruck bringen solltest, ist, aus den richtigen Gründen allein, statt aus den falschen Gründen mit jemand zusammen zu sein. Ziehe einen Partner nicht aus dem Bedürfnis des Brauchens an, sondern aus der Bereitschaft zur Entwicklung. Wenn du jemand brauchst, bist du ein Bedürftiger. Ein Bedürftiger kann nur einen anderen Bedürftigen anziehen. Zwei Bedürftige aber sind zusammen verloren. Sie sind gemeinsam genauso verloren wie sie sich alleine verloren fühlten. Euer Weg wird ein leidvoller sein. Ihr werdet euch Wunden schlagen, die euch weit davon abbringen, Bereitschaft zu entwickeln. Daher bleibe lieber mit dir selbst, bis du dich selbst so tief erfahren hast, dass Bereitschaft statt Bedürftigkeit in dir entstanden ist.
Ein Mensch, der Bereitschaft zur Entwicklung signalisiert durch seine Schwingung, wird jemanden anziehen, der eine ebensolche Bereitschaft in sich trägt. Dadurch wird Wachstum entstehen. Und Wachstum bedeuet Freude.
Du kannst erst dann wirklich lieben, wenn du aufgehört hast, jemand zur Vervollständigung oder zum Gefühl der Sicherheit brauchen zu wollen. Liebe braucht niemand, der sie vervollständigt, aber sie strebt nach Räumen, in denen sie sich verstärken kann. Dazu musst du bereit und nicht bedürftig sein. Es ist deshalb weiser, aus den richtigen Gründen mit dir allein zu leben, als aus den falschen Gründen mit einem Zweiten.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2017 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

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Minus-Frau


Weiter und weiter trägt Zeit die Berge hinfort,
die ich für uns bewegte.
Was bleibt sind leere Täler.
Und du weißt,
ich habe Berge bewegt,
habe unter deinem Fenster geschlafen
und ging den Flur zum Ende entlang,
begleitet von Silberschatten.
Nicht den Tod habe ich gefürchtet,
der kam mir nur recht,
als unser Abschied an die Türe klopfte.
Nicht den Tod,
dich habe ich gefürchtet,
da du eine Minus-Frau bist.
Und du weißt,
ich wäre für uns gestorben,
weil du eine Minus-Frau bist,
nichts schaffend,
nichts gebend.
Meisterin im Nehmen,
Göttin der Zerstörung,
Kriegerin des Feuers.
Blasser und blasser wird dein Bild,
löst sich auf in den Meeren,
die ich für uns durchschwamm.
Und du weißt,
ich war an deinen Küsten gestrandet,
wo nichts wächst,
wo sich die Gezeiten meine Seele einverleibten,
wo ich Lügen kaute und Hoffnung trank.
Weil du eine Minus-Frau bist.
Und trotzdem atme ich dich in meinen Träumen,
begleitet von Silberschatten.
Da blicke ich in fremde Spiegel und erkenne,
was noch übrig ist von mir,
fühle Körper in meinen Armen ruhen,
aber bleibe unberührt,
weil nichts mehr mein Herz anrührt.
Und du weißt, ich habe dich berührt,
bis ins Mark erschüttert mit meiner Liebe,
die nicht sterben will.
Weil du eine Minus-Frau bist.
Und da gehe ich nun
die Straße dieses Daseins ohne dich,
begleitet vom Skelett unerlösten Lebens.
Und die Reflexionen meiner Gestalt,
dies entfremdete Wesen,
in den Schaufenstern ängstigt mich,
begleitet von Silberschatten
jämmerlich im Dämmerlicht.
Dann ist das also alles, was ich noch bin,
seit sich dein Name in meiner DNA dreht.
Manche sagen,
es war nur Rock ‚N Roll,
manche sagen,
es lag nicht an uns,
es lag an der Stadt.
Und trotzdem atme ich dich in meinen Träumen,
begleitet von deiner Subtraktion,
weil du eine Minus-Frau bist.
Und trotzdem atme ich dich,
trotzdem atme ich dich in meinen Träumen.
Atemlosigkeit bist du in den Tagen,
Sauerstoff in diesen Träumen,
in diesen Träumen und auf allen Ebenen.
Weil du meine Minus-Frau bist.
In meinen Träumen.
Auf allen Ebenen.
Minus.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Rubin


Hände, Haut und Atem,
ihr Schweiß und der meine,
für immer ineinander fließend
als Nächte ohne Ende,
als Tage ohne Zahl,
als ein Herz und zwei Hälften,
und durchs Küchenfenster,
lächelnd,
ein Gesicht,
dessen Namen ich nicht kennen muss,
weil ich es erinnere,
bis in alle Zeit.
Was uns trennt, ist nicht der Weg,
was uns trennt, ist die Liebe.
Wenn die Liebe zwischen zwei Seelen,
wenn das Feuer zu wild verlangt,
dann schützt die Liebe diese Seelen,
damit sie nicht ineinander verdampfen.
Die Nadel fährt ins Fleisch,
ein Schmerz,
um den anderen zu lindern.
Und in dem Rubin eines Blutstropfen,
darin fühle ich ihr Herz schlagen,
sehe sie tanzen wie das Licht einer Kerze,
und weiß: Sie lebt in mir.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Die tote Generation


Manche Menschen sind wie ein altes, fesselndes Buch. Hast du erst einmal begonnen in ihnen zu Blättern, kannst du nicht mehr aufhören sie zu lesen. Du wirst regelrecht süchtig nach der Weisheit der Seele, die du auf jeder Seite, in jedem Absatz, in jeder Zeile findest.
Sie ist ein solcher Mensch. Daher fragt sie: „Wenn du mit mir eine Zeitreise machen könntest, in welche Epoche wolltest du?“
„Das kann ich dir sofort sagen – in die Goldenen 1920er!“
„Die 1920er? Was um Himmels Willen wollen wir denn da? Warum nicht ins alte Ägypten oder zu den antiken Griechen?“
Ich gieße ihr noch etwas Rotwein nach, französisch und nicht gerade billig, der Jahrgang war mir egal, daher findet er hier keine Erwähnung. Mir reicht der kalte Kaffee aus Kolumbien, dessen heimliche Bitterkeit hinter der Süße des braunen Zuckers Anlauf auf meine Geschmacksknospen nimmt.
„Weil es die 1920er in Paris wären, wo du und ich durch die Cafés und Bars streifen würden. Mein Arm läge um deine Hüfte, du im blauen Abendkleid und ich mit Hut. Wir träfen Hemingway, sturzbesoffen, aber prosaisch und tapfer. Zu Vollmond könnte ich mich sogar mit ihm prügeln, um hinterher keuchend und blutend, doch geil und gespannt zu lauschen, wenn er von Afrika erzählt, und eifersüchtig werden, weil du auf seine Männlichkeit so sehr abfährst. Vielleicht gesellte sich sogar Miró zu uns oder Dalí, schwärmend über die Form des Rhinozeros. Ich würde Picasso an den Tisch bitten, denn seine Auffassung, man solle mit Frauen entweder schlafen oder sie malen, gefiel mir immer schon. Und wenn ich Glück hätte, denn so war das damals, würde mir Ernest anbieten, meine Schreibe Gertrude Stein vorzulegen, die nicht nur einmal seine Ergüsse und damit auch ihn als Schriftsteller gerettet hat. Vielleicht wären wir Gast im Hause eines damals noch unbekannten Filmemachers bei einem Abstecher nach Troyes. Wieder zurück in Paris würden wir mit James Joyce diskutieren, im Moulin Rouge Champagner schlürfen, Man Ray am Nebentisch zuwinken und an der Seine durch den Regen wanken, wo ich im passenden Moment, begleitet von der Musik Cole Porters, unter einer Brücke den Ring zücke, mit dem ich um deine Hand anhalten würde und mich dabei verhaspeln, obwohl ich die Sätze sicher 1921 mal zuvor im Geiste geübt hätte. Und du würdest wissen, es ist nicht nur deine Hand, die ich will, es wären auch die beinahe surrealen Schwünge deines Hinterns, deiner Brüste und deiner Nase, die ich ebenso romantisch lieben würde wie die silbrige Lyrik deiner Seele, wie die scharfen Klingen deines Intellekts und deine zarten Nylons um unser Bett verstreut als wären es Relikte eines Armageddons unserer Lust. Es wären zweifelsohne die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrtausends, wo ich mit dir hin wollte, in jene Zeit, als das Rauchen von Zigaretten noch als gesund galt und Kokain als Medizin, als Kunst noch Kunst, als Krieg noch Krieg und Frieden noch Frieden war. Damals waren viele Menschen wie ein altes, fesselndes Buch. Hattest du erst einmal begonnen in ihnen zu Blättern, konntest du nicht mehr aufhören sie zu lesen. Du wurdest regelrecht süchtig nach der Weisheit, nach der Verzweiflung der Seele, die du auf jeder Seite, in jedem Absatz, in jeder Zeile fandest.
Heute hingegen, da sind die Menschen wie die BILD – von außen bunt und voller Farbe, erdrückende Schlagzeilen, marktschreierisch und vielversprechend, aber innerlich durchtränkt von dumpfer Lüge, monochrom im Denken und im Empfinden tot. Ich wäre lieber Teil der ‚Verlorenen Generation‘ als Teil der ‚Toten Generation‘. Deshalb würde ich mit dir dahin reisen, in die Goldenen 1920er, bevor uns die Wogen des letzten Krieges der Menschheit für immer vom Erdboden spülen und mein atomar verkohlter Arm, geschlungen um deine blaue, tote Hüfte, als mein finales Gedicht an dich von niemand mehr gelesen würde.“

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Tochter Liliths


Die bösen Mädchen sind es,
nicht die braven,
deren Beute ich bin.
Sie hinterlassen keine Bitterkeit,
sie schenken Schmerz,
echten, aufrichtigen Schmerz,
süß wie deine Erbeerlippen.
Komm, brich mein Herz!
Es kann noch einen Riss gebrauchen.
Dein Wahnsinn fasziniert mich,
legt mir deinen Namen auf die Zunge.
Darum Schnüre deine Stiefel fester,
nimm noch einen Hauch
vom Spiegel deiner Eitelkeit,
ziehe ihn durch deine Seele,
und küss mich heiß,
bevor du morgen gehst.
Heute Nacht aber spiele mit dem Mond,
und leg zuerst die Unsicherheiten ab,
dann erst deine Kleider.
Werde unvergesslich nackt,
denn ausgezogen bist du schön,
ungezogen aber bist du schöner.
Mach sie zum Gast dieser Nacht,
die Flammen deiner Gier,
die Gier nach mehr von mir.
Atme aus die schmutzigen Worte,
wirf sie kostbar in den Raum,
als wilde Poesie,
wie Ornamente für den Sturm.
Sei mir Liliths Tochter,
die ich nicht vergessen will,
gleite heimlich in mein Schicksal,
während ich einen Tropfen Lust
vom Latex deiner Schenkel lecke.
In seinem Glitzern schenkt uns der Tod
ein Lächeln.
Und der Engel unserer Liebe
opfert die Dauer einer Kerze.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Geschenke der Liebe


Es gibt diese Begegnung zwischen zwei Seelen, nach der die Welt nie wieder so schmeckt wie zuvor. Nichts kann danach so sein, wie es einst war. Und oftmals schlagen sich diese Seelen dabei Wunden, die ein Leben lang brauchen, um zu heilen. Manchmal erkennt man erst sehr spät, dass die Wunde ein Geschenk der Liebe war, das sagen sollte: „Wir werden immer aneinander denken müssen. Bitte, vergiss mich nicht!“.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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