Seelenasyl


Sie kauert im Eck,
weit weg von deinem Blick,
rottet vor sich hin,
füllt Salz und Wasser
in den Becher des Moments.
Und du sitzt vor den Stäben,
vor den Gittern dieses Gefängnisses,
erschöpfst deine Kraft,
fütterst ihr Happen deines Herzens,
flüsterst Lieder und Gedichte,
erzählst von Wiesen und Wäldern,
von den Flügeln der Schmetterlinge
und vom Duft der Blüten im Mai.
Das ist dein Bild der Rettung,
dein kläglicher Versuch sie zu befreien.

Sie kriecht unter den Staub,
unter den Staub ihrer Träume,
schwindet vor sich hin,
gießt Worte so kalt wie Schneeflocken
in den Becher des Augenblicks.
Und du hockst vor den Gittern,
lehnst an den Mauern ihrer Zelle,
geduldig aber müde,
berührst ihr Haar und krümmst ihr keins,
hauchst dein Empfinden,
deine Wahrheit an den Stein dieses Herzens,
erzählst von ihrer Schönheit und Würde,
von den Straßen der Liebe,
vom Seelenasyl.
Doch nichts davon dringt durch,
wenn deine Lippen sich bewegen,
hört sie nicht,
was du sagst.

Sie spricht es nicht aus,
aber du hörst den stillen Ruf,
den stummen Schrei ihrer Seele.
Nach Liebe ruft sie,
aber tritt sie gleichsam von sich.
In deiner offenen Hand lose der Schlüssel,
der Schlüssel und Ausweg aus ihrer Kammer.
Doch sie lässt niemand ein,
noch geht sie jemals aus.
Sie kauert im Eck,
verkriecht sich unter dem Staub ihrer Träume
und beißt deine Wärme tot.
Während der Schnee fällt in einer Welt,
die sie nicht liebt.
Doch du liebst sie,
du liebst sie fort und fort.
Und du wartest mit dem Schlüssel,
bereit ihr Herz zu umfangen,
sobald sie hervor kommt aus ihrem Eck,
nach Hause ins Seelenasyl,
während der Schnee fällt in einer Welt,
die sie nicht liebt,
in einer Welt,
wo sie schwindet wie Nebel
und du hoffnungslos nach ihr greifst.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2016 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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Nicht mehr als das



Dein Körper gegossen an den meinen,
im selben Rhythmus der Atem
macht aus uns beiden eins.
Das ist alles, was sein will.
Nicht mehr als das – nicht mehr, nur das.

Deine Hand gepresst an meine Brust,
ganz zart, sehr warm,
die Brust ist hart, vom Sommer braun,
das Herz pulst weich,
sein Schlag so ruhig und angekommen,
und wir fragen nicht,
ist es dein Herz, ist es meins.
Wir teilen es, so ist es ganz.
Das ist alles, was sein soll.
Nicht mehr als das – nicht mehr, nur das.

In deine Augen tauche ich,
und du in meine,
bis mir die Luft ausgeht,
die du noch atmest
und mir wiedergibst
in einer Ewigkeit.

Wir sprechen nicht und tun es doch.
Du sagst nichts und alles,
schreibst mir mit den Fingern auf die Haut
vom geheimen Fortgang der Geschichte.
Und ich sage nichts und mehr als das,
schweige dir mit meinen Lippen auf den Mund,
was mein Verlangen nach dir schreit.
Das ist alles, was sein muss.
Nicht mehr als das – nicht mehr, nur das.

Keine Uhr tickt hier noch heimlich weiter,
die Welt hat endlich angehalten,
weil du bist ich geworden und ich bin du,
da tropft die Zeit nicht mehr verloren
durch flache Zwischenräume
jener ewig langen Augenblicke.
Nur noch eine Seele umspannt das Jetzt,
geteilt war sie zu lange – doch nun nicht mehr.
Das ist alles, was sein darf.
Nicht mehr als das – nicht mehr, nur das.

Du und ich in einem Raum,
du und ich in einer Zeit,
das ist alles,
was sein will,
sein soll,
sein muss,
sein darf.
Du und ich – nicht mehr, nur das.
Nicht mehr als das.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2012 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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