Weidenkind


Den frühen Vogel nannte ich dich
am Morgen deiner Geburt,
denn du kamst im ersten Lichte eines Frühlingstages.
Spät in den Herbst meines Lebens warst du gesandt.
Und doch sah ich dein Kommen vor Jahren,
denn auch du hast mich erwählt,
noch ehe du geformt warst im Leib deiner Mutter.

Deine Füße wusch ich ergeben,
als ich vor dir kniete,
dein Haar mochte ich kämmen
und Lieder dir summen
bis in den Schlaf,
trug dich an meiner Brust
und zählte nachts deinen Atem.

Weite Wege schicktest du mich,
über harten Stein,
durch trockenes Land,
in eine Schlacht,
die ich nie wollte.
Tapferkeit verlangtest du mir ab
tanzend in Ringen aus Feuer,
einsam in feuchten Feldern,
dich brennend rufend.
Meine Welt stelltest du Kopf
und neugeboren machtest du mich,
für immer verwandelt zum Besseren.
In keiner kalten Nacht ging ich ohne dich,
stoisch deinen Namen auf den Lippen,
dich als mein Herz fühlend.

Heute sehe ich dich am Wasser,
wie du spielst und dich erinnerst
an jene Tage.
Still sehe ich zu wie du wächst,
Weide am Bach,
umspielt vom Wind.
Ich sehe dich,
wohin ich auch gehe.
Ich atme dich,
wenn ich schlafe.
Für immer wasche ich ergeben deine Füße,
kämme bis zum Ende dein Haar,
trage dich bis zum letzten Schlag gegen den Sturm,
denn auf Erden wird mir keine Liebe größer sein,
mein Kind.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2019 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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Denn keiner kann ohne leben


Wo du lebst ist Licht.
Wo ich bin ist Nacht.
Du hast die Berge.
Ich habe den Regen.
Dein Weg ging nach Rechts
und meiner nach Süden.
Es gab nicht viel gemeinsam,
wir waren zweisam einsam.
Mir blieb Erinnerung,
dir die Sekunden.
Wir waren gleich,
aber niemals ähnlich.
Und doch auf ewig verbunden.

Ich wünsche dir Wege,
die ich nicht mit dir ging.
Ich wünsche dir Liebe,
die ich nicht gab.
Ich wünsche dir Frieden,
und Tage watteweich.
Ich wünsche dir Gipfel,
aber keine Talfahrten.
Ich wünsche dir Anhöhen,
ein Haus und eine Hand,
die deine hält.
Ich wünsche dir Licht und Wolken,
wenn die Sonne brennt,
und jemand,
der deine Seele kennt.

Da ist nichts mehr zu geben,
doch sollten wir sprechen,
nicht mehr reden.
Alles soll dir gut sein,
keine Wünsche unerfüllt,
Wahrheit unverhüllt.
Vielleicht sitzt du dann am See,
siehst ein kleines Mädchen,
verträumt sein Blick,
fern nach etwas suchend,
und es kommt zurück,
dies Stück der Zeit
vor dem Missgeschick.
Und du erinnerst dich
an ein letztes Versprechen.

Mein Herz sitzt an deinem Tisch,
liegt nachts neben dir,
spielt mit bunten Steinen,
geht mit dir durch die Tür.
Lass die Panzer brechen
und gib es frei, mein Herz.
Denn niemand kann ohne leben.
Was du auch tust,
tu es nicht für dich,
nicht für mich
– tu es für sie,
für die Seele,
deren Namen wir wählten.

Gib mich an mein Herz zurück,
denn ich bin Teil davon,
ein großes Stück.
Lass es frei.
Lass es kommen,
lass es gehen,
dies kleine Herz mit braunen Augen.
Gib ihm seine zweite Hälfte wieder.
Mach es ganz,
denn es wird sie sich holen,
meine Lieder,
die ich ihm gesungen,
bevor sie zerbrachen,
unsere Wege.
Mach die Strecke kurz,
die Zeit gestatte lang,
denn ich bin geblieben,
als Ruf nach diesem Stück,
diesem kleinen Teil von uns,
diesem Herz mit braunen Augen.

Du gingst nach Rechts.
Ich ging nach Süden.
Bleib, wo du bist,
denn wo du bist ist gut.
Tu, was du tust.
Mach es mit Mut.
Tu es nicht für dich,
tu es nicht für mich
– tu es für dies kleine Herz,
dies Herz mit dunklen Augen,
für die Seele,
deren Namen wir wählten.
Gib es wieder,
mein Herz,
gib mich an dies Herz zurück,
denn keiner kann ohne leben.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2018 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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Mademoiselle


Stutengleich dein Feuer,
Mademoiselle,
so stehst du neckisch vor mir.
Dein Mund,
aufplatzende Frucht,
die Lippen feucht im Glanz,
drohende Vertreibung aus Eden,
sendet ein Lächeln herüber.
Dahin also willst du,
elektrische Seele?
Das noch sehen?
Dies auch kriegen?

Mademoiselle,
nicht so schnell, nicht so schnell!

Deine Augen,
Mademoiselle,
die schreien zu mir rüber.
Und du bist still.
Triffst mit glühendem Blick.
Fährst mich rasant hoch.
Fasst in mein Leben,
als wäre es deine Handtasche.
Zauberst daraus eine Geschichte.
Weißt sie schon als die unsere.
Und ich soll sie schreiben,
ehe das Ende beginnt?
Doch du, Mademoiselle,
hochhackig und wild,
tanzt bereits durch Nächte ohne Reue.

Nicht so schnell, nicht so schnell,
Mademoiselle!

Da ist kein Morgen,
Mademoiselle,
den du noch nicht überholt hättest.
Bevor du ankommst,
siehst du dich bereits einlaufen.
Und ich tauche ab,
lese deine Gedanken.
Ich lese sie,
weil es mich dahin bringt,
wo wir bislang nicht waren.
Da wächst Hoffnung und wilder Wein,
denn du hörst mich,
du hörst meinen Puls,
wenn ich nichts sage.
Ganz plötzlich kommst du,
ganz plötzlich gehst du,
runter zum Wasser,
treibst in Wellen rastloser Gezeiten.

Mademoiselle,
nicht so schnell, nicht so schnell!

Wie ein Baby wiege ich deine Glut,
messe sie tonnenschwer.
Du fährst den Wagen schnell und roh.
Heiß atmend,
sehnsüchtig umherziehend,
brichst du profane Grenzen der Nacht.
Wind in deinem Haar,
dunkles Banner deiner Schlacht.
Trägst brennend Verlangen.
Wirfst es für mich ins Feld.
Berührst dich selbst,
um vorzugeben,
ich wäre jetzt bei dir.
Ich kann es fast schon schmecken.
Deine Haut so golden jung,
einem heißen Opal ähnlich,
will Spiegel bleicher Stadtlichter sein.
Du reist weit und lebst rau,
stirbst jung und spielst hart.

Nicht so schnell, nicht so schnell,
Mademoiselle!

Schwüles Zimmer im Dämmerlicht.
Ein Rufzeichen fest an deinem Mund:
Sprich mit deiner Haut!
Sag nicht wie du heißt,
denn was heißt das schon?
Mademoiselle,
deinen Schweiß höre ich fließen
und du mein Blut rauschen.
Zeige mir,
wer du noch nicht warst,
aber jetzt sein willst.
Und flüstere mit deinen Fingern.
Als warmer Regen breite dich übers Land.
Ritze deinen Namen in mein Fleisch,
kratze ihn durch die Wände dieser Nacht.
Dein Körper trinkt mich,
nimmt davon keinen Schluck,
er säuft mich auf ex.

Und all das,
Mademoiselle,
all das ist für dich bereits geschehen,
bevor wir einander überhaupt trafen.
Denn du warst immer schon außergewöhnlich,
sprühend und schnell.
Zu schnell, Mademoiselle.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2018 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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Sicherheit ist der Tod


Jeder Strohhalm an den du dich klammerst, um dich sicher zu fühlen, zieht dich letztendlich mit in die Tiefe. Du kannst erst dann voll am Leben sein, wenn du an nichts mehr festhältst, wenn du frei und ohne Wunsch nach Sicherheit im Ozean des Lebens treibst. Der Tod lächelt an deiner Seite, weil er dir der beste Ratgeber in Sachen Leben ist – solange er nicht deinen Raum betritt, bist du am Leben, aber es gibt keinen Termin, den er mit dir hat, und der dir bekannt wäre. Nur der Tod alleine weiß, wann ihr einander begegnet. Wenn du deinen Tod nicht lieben kannst, dann liebst du dein Leben nicht. Der Tod ist unweigerlicher Teil des Lebens, so wie die Nacht unweigerlicher Teil des Sonnenumlaufs ist. Du kannst das Eine nicht ohne das Andere haben. Liebe deinen Tod und das Leben wird dir zur herrlichsten Erfahrung.

Den eigenen Tod zu lieben hat absolut nichts mit Todessehnsucht, sondern mit der Sucht nach Leben zu tun. Der Tod ist dein verlässlichster Freund, doch du sperrst ihn aus, traust dich noch nicht mal, an ihn zu denken. Warum weist du das zurück, was dir am meisten dienlich ist, aber betest das an, was dich wahnsinnig macht, weil es einfach nicht sicher ist, weil du all deine Wünsche vielleicht nicht erfüllt bekommst? Du wirst nie sicher sein, wann deine Stunde schlägt, aber solange diese Glocken für dich noch nicht läuten, kannst du voll und ganz glücklich sein, denn das ist der einzige Weg, das Leben voll und ganz zu kosten. Solange du Sicherheit suchst, bist du bereits tot, solange du dich absicherst, hast du noch nicht den Mut zu leben entwickelt. Der Tod ist dir sicher und er dauert bedeutend länger an, als dein physisches Dasein.

Das Leben ist niemals sicher, denn es ist nur ein kurzes Aufflammen in deiner Körperlichkeit. Erzähle mir jetzt nicht, es gäbe den Tod nicht, denn das ist esoterischer Schwachsinn, damit versuchst du, uns beide zu belügen. Wer den Tod leugnet, leugnet letztlich das Leben. Wer die Nacht leugnet, leugnet den Tag. Du wirst sterben, finde dich damit ab. Du bist JETZT am Leben, und auch damit finde dich ab. Es gibt nur diesen Moment, nichts weiter. Nur diesen einen Moment. Lasse los! Wage das Abenteuer deines Lebens ohne Netz und doppelten Boden!

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2012 text by David Peterson Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce