Jungfrau für immer


Arvo Pärt, geboren in Wien, am 10.09. irgendwann, heute zuhause in Berlin. So sind wir, wir Jungfrauen, wie diese Violine und der Anschlag am Piano. Zerbrechlich und zu nahe am Wasser gebaut und doch unbeugsam wie die Felsen der Berge, wo wir gerne wandern. So sind wir, du und ich, Baby. Niemals finden wir leicht ans Ziel, aber wir finden dahin, denn wir arbeiten. Sehr hart. Und immer. Ich höre dich und ich höre mich, wenn ich Arvo höre, und ich lese dich und mich, wenn ich Neale lese, und ich tanze dich und mich, wenn ich Freddie spüre oder Mr. Jackson, und ich frage dann nicht, weil ich weiß. Weil ich weiß, tief in mir drinnen. So wie du weißt, tief in dir drinnen. Und dann werden sie sagen „Du hast mir so gut getan, denn du warst immer am Boden!“, doch da wollten wir gar nicht sein. Fliegen wollten wir. Fliegen in die Weite der Berge hinaus. Getragen von der Violine, oder auch einem Cello, gehalten an die Tasten des Pianos. Korsika. Kanada. Irgendwohin. Nur nicht da, wo Arbeit uns das Maß spricht. Zart sind wir in der Seele, doch ruppig im Austausch. Sanft sind wir im Fühlen, doch kantig in der Sprache. Jungfrauen sind wir. Ewig unschuldig, doch niemals frei von Schuld. Das sind wir, du und ich, Nini. So klingen wir. Und am Ende werde ich warten wie der Felsen, den du erklimmst. Unbeugsam, sanft und zart, wie die Weide. Rauh mein Stamm, aber meine Äste biegsam und fein. Offen mein Herz und meine Seele aus Glas. Nichts verbergend, aber alles schützend. So sind wir, du und ich. Jungfrauen für immer. Cello und Violine, Klavier und Piano. Felsen und Erde. Arbeit und Fleiß. Verlust und Hoffnung. So sind wir, du und ich. Jungfrauen für immer. Ich hab dich lieb. Einfach nur lieb. Wie der Felsen. Wie der Berg, der sich das Fliegen wünscht.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2016 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Gewöhnlich wie jeder


Berge bewege ich und in Ozeanen schwimmend,
obwohl Berge schwer und Ozeane tief und voller Getier sind,
aber ich lasse dich in deinen Launen,
in deiner Disbalance nicht allein,
denn ich weiß,
wir sind größer als das.
Wir sind der stille Punkt am Horizont,
die Wolke unbewegt.
Du kommst heut Nacht nicht heim und ich sage:
Na und?
Weil ich weiß,
ich warte am Rande deiner Seele,
ich warte da und erinnere mich in den Stunden ohne dich,
wie ich selbst war in deinem Alter.
Wütend.
Behauptend.
Zuweisend.
Mutig aber voller Angst.
Ich warte am Rande deiner Seele
als Randfigur.
Da warte ich mit einem konservierten Lächeln,
ein Leben lang,
aber mein Leben war außergewöhnlich,
verflucht,
gesegnet und gewonnen.
Weil alle Dinge eines Tages enden.
Selbst die größten Lieben
müssen eines Tages fallen.
Ich weiß ganz genau,
wo ich damals war.
Und ich weiß um die Bedeutung all dessen.
Und ich kenne den Abstand zum Mond.
Und ich weiß um die Leere der Jugend.
Und ich kenne das Geheimnis deines Lächelns.
Und ich kenne das Echo der Liebe.
Und ich kenne die Einsamkeit der Herzen,
Und ich bin vertraut mit den Abgründen der Seele.
Aber ich weiß,
die Welt ist in deine Handflächen geschnitten,
sie ist um den Herz gewickelt,
und ohne diese Welt
kannst du nicht leben,
denn ich kenne die Stille der Welt.
Ich kenne die Stille der Welt.
Aber am Ende frage ich mich,
ob ich gebrochen wurde durch diese Welt.
Und stehe noch!
Und stehe immer noch wie eine Weide,
weil nicht immer sieht es so schön aus,
wenn Biegsamkeit überlebt.
Heute lehne ich mich zurück,
knicke den Ast,
fasse nach einer Banane und weiß:
You are going nuts!
You are going nuts to be a part of me.
Das ist Liebe,
die man nicht kaufen kann.
Das ist Wissen,
das man nicht lesen kann.
Das ist Leben,
das man nicht borgen kann.
Das bin ich.
Liebe.
Und alle Liebe ist Macht.
Macht ja nichts.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

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Du, Herz allein


In allem, was du tust, liegt so viel Herz.
Deine Worte, deine Hände, deine Lippen
breiten Frieden über meine Dummheiten,
machen mich lächeln über Wunden alter Tage,
und in deinen Augen finde ich jene Spiegel,
klar und silbrig,
schonungslos aber wahr,
um wieder neue Wesenszüge zu schmecken.
Du bist in allem einfach Herz.
Und mein Herz will stets zu deinem,
sucht es nachts mit feuchter Hand,
jauchzt und wird freudig,
weil es die deine findet.
Dann schleichen Ängste,
dann kriechen Zweifel zu uns ins Zelt,
aber dein Herz,
tapfer und weich,
gemahnt meins.
Und dann schlagen unsere Herzen wie Trommeln,
schlagen die Schatten tot,
donnernd und lachend.
Und wir erinnern uns,
deine Seele aus Glas
und meine Seele aus Glas
bleibt sicher bewahrt im Puls dieser Liebe.
Denn du bist Herz,
nur Herz und Herz allein.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

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Minus-Frau


Weiter und weiter trägt Zeit die Berge hinfort,
die ich für uns bewegte.
Was bleibt sind leere Täler.
Und du weißt,
ich habe Berge bewegt,
habe unter deinem Fenster geschlafen
und ging den Flur zum Ende entlang,
begleitet von Silberschatten.
Nicht den Tod habe ich gefürchtet,
der kam mir nur recht,
als unser Abschied an die Türe klopfte.
Nicht den Tod,
dich habe ich gefürchtet,
da du eine Minus-Frau bist.
Und du weißt,
ich wäre für uns gestorben,
weil du eine Minus-Frau bist,
nichts schaffend,
nichts gebend.
Meisterin im Nehmen,
Göttin der Zerstörung,
Kriegerin des Feuers.
Blasser und blasser wird dein Bild,
löst sich auf in den Meeren,
die ich für uns durchschwamm.
Und du weißt,
ich war an deinen Küsten gestrandet,
wo nichts wächst,
wo sich die Gezeiten meine Seele einverleibten,
wo ich Lügen kaute und Hoffnung trank.
Weil du eine Minus-Frau bist.
Und trotzdem atme ich dich in meinen Träumen,
begleitet von Silberschatten.
Da blicke ich in fremde Spiegel und erkenne,
was noch übrig ist von mir,
fühle Körper in meinen Armen ruhen,
aber bleibe unberührt,
weil nichts mehr mein Herz anrührt.
Und du weißt, ich habe dich berührt,
bis ins Mark erschüttert mit meiner Liebe,
die nicht sterben will.
Weil du eine Minus-Frau bist.
Und da gehe ich nun
die Straße dieses Daseins ohne dich,
begleitet vom Skelett unerlösten Lebens.
Und die Reflexionen meiner Gestalt,
dies entfremdete Wesen,
in den Schaufenstern ängstigt mich,
begleitet von Silberschatten
jämmerlich im Dämmerlicht.
Dann ist das also alles, was ich noch bin,
seit sich dein Name in meiner DNA dreht.
Manche sagen,
es war nur Rock ‚N Roll,
manche sagen,
es lag nicht an uns,
es lag an der Stadt.
Und trotzdem atme ich dich in meinen Träumen,
begleitet von deiner Subtraktion,
weil du eine Minus-Frau bist.
Und trotzdem atme ich dich,
trotzdem atme ich dich in meinen Träumen.
Atemlosigkeit bist du in den Tagen,
Sauerstoff in diesen Träumen,
in diesen Träumen und auf allen Ebenen.
Weil du meine Minus-Frau bist.
In meinen Träumen.
Auf allen Ebenen.
Minus.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Rubin


Hände, Haut und Atem,
ihr Schweiß und der meine,
für immer ineinander fließend
als Nächte ohne Ende,
als Tage ohne Zahl,
als ein Herz und zwei Hälften,
und durchs Küchenfenster,
lächelnd,
ein Gesicht,
dessen Namen ich nicht kennen muss,
weil ich es erinnere,
bis in alle Zeit.
Was uns trennt, ist nicht der Weg,
was uns trennt, ist die Liebe.
Wenn die Liebe zwischen zwei Seelen,
wenn das Feuer zu wild verlangt,
dann schützt die Liebe diese Seelen,
damit sie nicht ineinander verdampfen.
Die Nadel fährt ins Fleisch,
ein Schmerz,
um den anderen zu lindern.
Und in dem Rubin eines Blutstropfen,
darin fühle ich ihr Herz schlagen,
sehe sie tanzen wie das Licht einer Kerze,
und weiß: Sie lebt in mir.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Tochter Liliths


Die bösen Mädchen sind es,
nicht die braven,
deren Beute ich bin.
Sie hinterlassen keine Bitterkeit,
sie schenken Schmerz,
echten, aufrichtigen Schmerz,
süß wie deine Erbeerlippen.
Komm, brich mein Herz!
Es kann noch einen Riss gebrauchen.
Dein Wahnsinn fasziniert mich,
legt mir deinen Namen auf die Zunge.
Darum Schnüre deine Stiefel fester,
nimm noch einen Hauch
vom Spiegel deiner Eitelkeit,
ziehe ihn durch deine Seele,
und küss mich heiß,
bevor du morgen gehst.
Heute Nacht aber spiele mit dem Mond,
und leg zuerst die Unsicherheiten ab,
dann erst deine Kleider.
Werde unvergesslich nackt,
denn ausgezogen bist du schön,
ungezogen aber bist du schöner.
Mach sie zum Gast dieser Nacht,
die Flammen deiner Gier,
die Gier nach mehr von mir.
Atme aus die schmutzigen Worte,
wirf sie kostbar in den Raum,
als wilde Poesie,
wie Ornamente für den Sturm.
Sei mir Liliths Tochter,
die ich nicht vergessen will,
gleite heimlich in mein Schicksal,
während ich einen Tropfen Lust
vom Latex deiner Schenkel lecke.
In seinem Glitzern schenkt uns der Tod
ein Lächeln.
Und der Engel unserer Liebe
opfert die Dauer einer Kerze.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Manch selten Herz


Wie schön es ist, wenn ein Mensch, der viele hundert Kilometer entfernt lebt, für dich abends 14 Kerzchen entzündet, damit dein Herz Flügel bekommt, weil es von Geburt an ein schweres Herz ist.
Manche Herzen werden eben schwerer geboren als andere. Manche Herzen brechen leichter. Manche brechen öfter. Manche brechen, obwohl sie treuer sind als dein eigener Schatten, obwohl es Herzen sind, die du für den Rest deines Lebens an dem deinen hättest schlagen hören, wenn du es als eines jener seltenen Herzen erkannt hättest…
Manche Herzen sind nicht gemacht für diese Welt. Sie erscheinen nur ein einziges Mal für die Spanne eines Lebens auf der Leinwand dieser Wirklichkeit, um alles zu verändern, was mit ihnen in Berührung kommt. Wenn ihr letzter Schlag verklungen ist, kehren sie nicht wieder.
Nur wenige Menschen erkennen diese Herzen zu Lebzeiten. Aber jene, die ein solch selten Herz an seinem Schlag erkennen, entzünden dann vielleicht Kerzchen oder bewahren dieses Herz ganz warm und weich in dem ihren auf, um es zu schützen, wie einen Namen, den man leise und sehnsüchtig in den Wind haucht, wenn der Himmel nachts klar ist und man sich wünscht, der Name käme als eine Art Flaschenpost beim Empfänger an, ohne auf halbem Wege von den scharfen Klippen dieser Welt zerschnitten zu werden.
Manch selten Herz weint ein Leben lang sehr still um dich. Manch selten Herz wünscht sich ein Leben lang, es dürfte weiterhin in dem deinen schlagen. Manch selten Herz wollte all die süßen Versprechen der Liebe glauben. Manch selten Herz ist mit diesen Versprechen gebrochen worden.
Aber wenn du dann jemand hast, der 14 Kerzchen für dich entzündet, dann kann es sein, dass dein Herz Flügel bekommt, die es gar nicht wollte, mit denen es aber leichter wird als all die Jahre zuvor. Und so wie es scheint, äugt ein solch selten Herz immer wieder mutig in Richtung Liebe, in Richtung einer neuen Liebe mit neuen, süßen Versprechungen…
Was wird es dort finden, dies selten Herz?

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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