Als Liebe kam


Über viele Dinge in dieser wundersamen Welt kann man etwas wissen, oder zumindest glauben, etwas zu wissen. Über die Liebe aber wird man niemals etwas wissen. Sie bleibt uns stets ein Rätsel, ein ewiges Mysterium. Wie oft verwechseln wir Liebe mit sentimentalen Empfindungen, mit Leidenschaft oder physischer Anziehung, bloß um zu erkennen, dass das nur ein Teilaspekt dessen ist, was Liebe sein könnte.

Als Liebe zu mir kam, da kam sie heimlich, um alles rein zu waschen, was nicht Liebe ist. Sie kam überraschend in einer Zeit, als alles um mich herum Nacht war. Nacht, von mir selbst geschaffen, in Form von Verlusten lieber Menschen, in Form von Schuldgefühlen und Angst, eine Zeit, da ich begriff, es ist der Liebe Wille und niemals der meine. Sie kam als blauer Schmetterling, schillernd sich niederlassend zuerst auf meine rechte Hand, dann flatternd über meinem Kopf und schließlich in mein müdes Herz. Sie kam als der erste Schrei eines Säuglings und das lange, schwere Haar einer Frau, in das ich mich gesponnen, als mein Schicksal stand sie vor mir, aber ohne Gestalt.

Ich bin vielleicht eine Quelle, sagte die Liebe, und manchmal da fühle ich mich an wie Stromschnellen, wie ein tosender Wasserfall, ein freundlich murmelnder Bach und streckenweise wie ein schmales Rinnsal, gerade mal genug, um zwischen trockenen Steinen hervorzukriechen. Meist jedoch bin ich nicht aufbrausend noch mitreißend oder laut, sondern ein gemächlicher, ruhiger Fluss, strömend und warm, tief in deinem Herzen, durch deine Seele zu allen anderen Seelen, die deine berühren. In deinen Händen kannst du mich nicht halten, mit deinem Willen nicht bremsen noch brechen. Dir ist es nicht gegeben mich zu lenken, zu kontrollieren oder zu regulieren, aber du kannst mich trinken und mich vergießen. Du kannst nicht satt werden durch mich, aber erfüllt. Ich kann dich tragen in meinem unaufhörlichen Fließen, aber du kannst mich nicht einsperren oder gefangen halten, denn ich bin der Tropfen, die Welle, der warme Regen eines staubigen Augustabends, die Flut und die Kraft, die sämtliche Felsen deiner inneren und äußeren Mauern über alle Zeit hinweg höhlt. Ich bin so und ich bin doch ganz anders. Ich bin das, was du niemals verstehen wirst. Und ich bin die Wege, die du nicht vorhersehen kannst. Die Gnade bin ich und der leise Ruf in dir. So bin ich und doch bin ich ganz anders, denn ich bin die Liebe, dein ewig Rätsel, dein größtes Verlangen und deine höchste Erfüllung. Doch meistens, da bin ich ein gemächlicher, ruhiger Fluss, warm strömend und tief in deinem Herzen. Das bin ich und doch bin ich es nicht, denn ich bin die Liebe. Ich bin es, was niemals gewusst und doch ewig gespürt wird. Ich bin Liebe. Ich bin, was ich bin.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2017 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

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Ich, Mann


Ich bin ein Mann. In meinem Gesicht und auf meiner Brust wächst Haar. Meine Stimme ist tief und die Schultern haben so viel Kraft wie deine Beine. Mein Körper ist nicht weich. Er ist hart, kantig, anders als der deine. Ich denke geradeaus, nicht in Schlingen. Mir wurde gelehrt, tapfer zu sein. Du magst vielleicht denken, es soll mein Körper sein, der Berührung sucht…
Doch ich bin ein Mann mit silbernem Rücken. Meine Kraft ist noch da, aber ich weiß, sie schwindet mit der Sonne, denn meine Jugendtage sind vorüber.
Ich bin ein Mann, manchmal wild, wütend und laut. Ich trommle mit den Fäusten an meine Brust und zerschlage mit meinen Worten den einen oder anderen Moment. Ich schweige, wenn ich reden sollte, und rede, wenn ich schweigen müsste. Meine Arme sind dazu da, dich zu tragen.
Du magst vielleicht denken, es soll mein Körper sein, der Berührung sucht…
Doch ich bin ein Mann mit silbernem Rücken. Meine Kraft macht mich schön, aber ich weiß, sie schwindet mit der Sonne, denn meine Jugendtage sind vorüber.
Ich bin ein Mann. Meine Brust dient dazu, um darauf zu ruhen oder deine kleinen Fäuste gegen sie zu prellen, wenn du auf mich wütend bist. Hinter meinem Rücken findest du Schutz. Und mein Herz schlägt wie verrückt für dich, sobald ich mir die Liebe zu dir eingestehe. Dann schlafe ich im Regen vor deiner Tür, mache törichte Geschenke und übertriebene Komplimente, lasse meine Freunde im Stich und ritze deinen Namen in einen Baum. Schickst du mich weg, bricht mein Stolz und ich schreibe dir Gedichte.
Du magst vielleicht denken, es soll mein Körper sein, der Berührung sucht…
Doch ich bin ein Mann mit silbernem Rücken. Mein Körper wurde viele Male berührt. Es gibt keine Stelle mehr, an der mein Körper nicht berührt wurde. Es gibt kein Spiel, das mein Körper noch nicht gespielt hätte. Deshalb ist es nicht mein Körper, der nach dir verlangt…
Ich bin ein Mann, aber ich möchte, dass du meine Seele berührst. Ich möchte, dass du in mein Innerstes kommst, mit meinem Herzen tanzt und es vielleicht zum hundertsten Male brichst.
Ich bin ein Mann, aber ich möchte, dass du meine Tränen siehst und meine Träume kennst. Ich möchte dich um Hilfe, um Vergebung und um deine Gnade bitten.
Ich bin ein Mann, aber ich möchte, dass du meine Seele berührst, mit ihr spielst und sie zum schwingen bringst. Du sollst meine Ängste und Hoffnungen kennen und mir den Kopf aus den Wolken holen.
Ich bin ein Mann, aber ich möchte in deine Arme kriechen und über mich selbst weinen. Ich möchte mein Gesicht in deinem Haar, deiner Haut, zwischen deinen Brüsten vergraben und für eine ganze Nacht lang nur so bleiben.
Ich bin ein Mann, aber ich möchte, dass du meine Seele berührst. Ich möchte, dass du meinen Geist beflügelst und mich dort zur Stärke führst, wo ich bisher versagt habe.
Ich bin ein Mann. Meine Seele sucht Berührung. Sie will von der deinen berührt und tief bewegt sein. Sie will zittern, jauchzen und verschmelzen. Das ist es, was ein Mann wie ich sucht.
Ich bin ein Mann. Mein Rücken ist silbern. Und ich möchte, dass du meine Seele berührst.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2014 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce