Liebe als Rebellion


Die Unfähigkeit anderer, deine Liebe wahrzunehmen oder sie zu erwidern, ist nicht deine Schwäche, nicht dein Versagen – es ist das ihre. Menschen, die selbst unfähig zur Liebe sind, werden den Liebenden immer als verrückt wahrnehmen. Sie werden sich erhaben über diesen Menschen, über seine vermeintliche Schwäche fühlen und ihn belächeln, um nach seinem Tode davon zu faseln, was er doch für ein großartiger Mensch war, ohne jedoch wirklich erkannt zu haben, woraus seine Großartigkeit bestand. Eine solch verklärte Wahrnehmung, dieser Mangel an Liebesfähigkeit, ist die größte Armut unter der ein Mensch überhaupt leiden kann. Fast die ganze Welt hungert und dürstet in dieser Form der Armut; und wenn du heute in einen Bus mit 100 Fahrgästen einsteigst, ist es wahrscheinlich so, dass du der einzige unter ihnen sein wirst, der wirklich lieben kann. Das ist die Welt, in die du geworfen wurdest wie ein Juwel unter Kieselsteine, wie eine Kerzenflamme in eine dunkle Konzerthalle. Das ist das Schicksal und die Bestimmung eines Liebenden auf Erden.
Was also kannst du tun in einer Welt, die zum Großteil von zur Liebe unfähigen Menschen bevölkert ist?
– Du kannst nichts weiter tun als so unbeugsam zu lieben wie es dir möglich ist. Deine Liebe mach zur stillen Rebellion gegen die Lieblosigkeit. Denn in einer lieblosen Welt ist deine Liebe das Licht für die Blinden. Sie ist das Brot und der Wein für die Hungernden und Dürstenden. Und wenn du dich manchmal einsam fühlst in deiner Liebe, dann wisse, du bist nicht allein – es gibt da draußen auch ein paar von deiner Art.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

Fallend


Bitte, sieh nicht den Mann, der sich in seinen Träumen verrannt hat.
Bitte, sieh mich mit all meinen Kurven und Kanten. Erinnere dich an diese Zeit, als mein Name dich begleitete und dir Sonnenschein ins Lächeln brachte. Ich trage den deinen immer noch an den schmerzenden Stellen und stehe in der U-Bahnstation, mein ganzes Leben in einer Plastiktüte neben mir.
Da kommt der Zug auf seinen Schienen.
Da kommt die Erinnerung zurück wie Staub in der Glaxie, wie Birkenblätter im Wind, wie Lieder ohne Musiker.
Vielleicht sind wir nichts weiter als verlorene Sterne, ihr Licht in die Dunkelheit strahlend.
Vielleicht sind wir verlorene Sterne, für immer fallend ohne einander.

Bitte, sieh nicht den Mann, der sich in seinen Träumen verrannt hat.
Bitte, sieh mich an. Erinnere dich daran, als alles an dir alles an mir liebte. Und wenn du mich willst, dann umarme mein Licht ein weiteres Mal. Es wird jeden Tag schwerer, dein Gesicht zu erinnern, aber ich denke immer noch an dein Lächeln. Ich trage es an den unfassbaren Stellen und stehe an der Endstation, mein ganzes Leben in einer Plastiktüte neben mir.
Da kommt der Zug auf seinen Schienen.
Da kommt die Erinnerung wieder wie Vögel am Himmel, wie Schneeflocken im Sturm, wie Poesie ohne Dichter.
Vielleicht sind wir nichts weiter als verlorene Sterne, ihr Licht in die Dunkelheit strahlend.
Vielleicht sind wir verlorene Sterne, für immer fallend ohne einander.

Bin ich tatsächlich hier ohne dich oder träume ich? Ich kann Traum nicht mehr von Wirklichkeit trennen. Und wenn ich ganz alleine bin und Distanz bloß Stille bringt, die meine Ohren betäubt, dann erinnere ich mich an unsere verschmolzenen Hände, an die Geliebte, die neben mir erwachte, als die Tage noch ungezählt und die Nächte leicht waren. Meine Strahlen tanzen dann durch die Ewigkeit, verzweifelt auf der Suche nach den deinen, wie damals, als wir einander fanden.
Und ich stehe unter deinem Fenster ohne Adresse, mein ganzes Leben in einer Plastiktüte neben mir.
Da kommt der Wagen auf seiner Straße.
Da kommt die Erinnerung zurück wie Regen in der Nacht, wie Donner mit den Wolken, wie ein Tanz ohne Tänzer.

Vielleicht sind wir nichts weiter als verlorene Sterne, ihr Licht in die Dunkelheit strahlend.
Vielleicht sind wir verlorene Sterne, für immer fallend ohne einander.
Wenn du mich willst, dann finde mein Licht ein weiteres Mal. Wenn du mich erinnerst, dann liebe mich endlos, denn ich bin nichts weiter als ein verlorener Stern am Himmel über dir. Für immer fallend ohne dich. Für immer fallend ohne uns.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

In diesen Armen


Manchmal, da will ich mich klein fühlen. Hin und wieder möchte ich Bedürftigkeit empfinden. Dann erlaube ich mir Sehnsucht. Sehnsucht nach Armen, die einfach nur da sind, um mich zu halten.

Manchmal brauche ich nichts weiter als diese Arme. Keine Ermutigungen, keine klugen Worte, denn ich kenne sie alle als mein Eigen und mag sie nicht mehr hören aus tausend Mündern.

Manchmal, da will ich bloß in die Arme eines weichen Herzens kriechen, um über mich selbst zu weinen. Wie ein Baby will ich darin ruhen und haltlos fallen in mein kleines, dummes Drama, ohne dass man versucht, mich aufzufangen. Fallen will ich dann und aufschlagen am Boden der Tatsachen. Mehr will ich dann nicht, mehr brauche ich in solchen Momenten nicht. Bloß Arme, die da sind wie ein schützender Mutterleib in dem ich schwimmen darf, wie ein warmes Bad in das ich gleite nach langer Wanderung durch eine Winternacht.

Manchmal will ich nur die Geborgenheit dieser Arme. Haut will ich dann spüren, die mit der meinen verschmilzt, und jemand, der diesen müden Kopf streichelt, aber mir nicht vorlügt, alles würde gut. Denn es wird nicht gut. Es war nie gut und es wird nie gut sein. Es wird immer bloß so sein, wie es ist, aber niemals wird es gut sein. Und am Ende finden wir uns sowieso alle wieder in unglücklichen Reihen von Steinen in die unsere Namen gemeißelt sind. Unglückliche Reihen erzählend von plötzlich zerschmetterter Hoffnung und unerfüllten Plänen, von abgetriebenen Träumen und bedeutungslosen Kämpfen, für immer aus den Erinnerungen der Welt wehend mit dem Wind der Zeit.

Manchmal will ich einfach nur diese Arme, die mich ehrlich, die mich aufrichtig umfangen. Keine Versprechungen, keine süßen Lügen, keine Schwüre oder Belehrungen, keine Ratschläge, keinen Trost, nur diese stillen, wahrhaftigen Umarmungen, die mich für zwölfhundert Herzschlage und neun Sekunden vergessen lassen, wo ich bin, wer ich bin und dass ich bin.

Manchmal brauche ich nicht mehr als das. Nur die Arme eines weichen Herzens, an dem ich ruhen darf, dessen Schlag mir ein Schlaflied pocht. Nur diese Arme, wo ich für ein paar Atemzüge meiner Heimatlosigkeit, meiner angeborenen Verzweiflung entfliehen darf, wo weder Frage noch Antwort mich plagt, wo einzig stiller Frieden, wo flüchtige Geborgenheit mich trägt.
Und wenn mich dann endlich Schlaf findet in diesen Armen, dann flüstere sanft „Ich liebe dich!“, denn das ist der einzige Moment, in dem ich es dir glauben werde.

Manchmal, da brauche ich genau das. Nichts weiter als diese Arme, mein Einschlafen in ihrem Schutz und die schönen Worte, die du mir dann flüsterst, wenn ich da bin, wohin mir keiner folgen kann. Das ist alles, was ich wirklich brauche. Manchmal.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

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Die Psychopathologie der Single-Gesellschaft


Eine Gesellschaft in der Partnerschaften nahezu unmöglich wurden ist eine zutiefst kranke, psychotische Gesellschaft. Du erkennst die seelische Gesundheit einer Zivilisation daran, wie fähig ihre Mitglieder zu dauerhaften, erfüllten Partnerschaften sind. Menschen, die aus Partnerschaften Konsumgüter und aus dem Partner ein Subjekt zur Wunschbefriedigung machen, sind seelisch krank. Sie leiden an einer künstlich geschaffenen Krankheit, deren Ursprung im Wunsch nach Kontrolle und Macht wurzelt. Diese Krankeit wird gefördert durch jene, die von Macht und Kontrolle profitieren, und sie wird übertragen und verbreitet von jenen, die sich zum alleinstehenden Individuum, zum sogennanten Singletum manipulieren lassen.

Die „Liebe dich zunächst selbst“-Gesellschaft hat zu nichts anderem geführt als zu unzähligen, einsamen Super-Egoisten, die so dumpf geworden sind, dass sie nichts anderes mehr können, als sich den lieben langen Tag selbst zu feiern. Partnerschaften halten sie für anstrengend, weil ohnehin kein Partner perfekt genug ist, um der eigenen (eingebildeten) Perfektion zu entsprechen. Es ist nicht wahr, dass du zunächst dich selbst lieben musst, um andere lieben zu können, denn du liebst dich bereits selbst – das musst du nicht mehr fördern, da sich jeder Mensch von Geburt an selbst der Nächste ist.
Der „Liebe dich selbst“-Wahn ist ein künstliches Manipulationsmittel, um dich in eine unreflektierbare Scheinwelt von der eigenen Fehlerlosigkeit zu treiben. Es soll dir das Gefühl vermitteln, du wärst so unendlich kostbar, dass nur ein ebensolch perfekter und unendlich kostbarer Mensch an deiner Seite für dich akzeptabel erscheint. Du sollst dadurch jede geringere Form von Begegnung als überaus unzureichend und anstrengend empfinden, denn nur so ist es möglich, dich von deinen Mitmenschen zu isolieren, ohne dich erkennbar zu inhaftieren. Die daraus resultierende Isolation und Einsamkeit kann und wird dazu genutzt, dich als Konsument und Lohnsklave besser lenken und steuern zu können.

– Eine Partnerschaft ist nicht anstrengend – anstrengend ist der krankhafte Wunsch nach Perfektion innerhalb dieser Partnerschaft. Sobald du den Wunsch nach Perfektion aufgibst, wirst du wieder fähig sein, erfüllte, dauerhafte und leichtgängige Partnerschaften zu leben. Erst dann, wenn du all die künstlich in dir gezüchteten Ideale vom Traumpartner, der Dualseele und der perfekten Begegnung aufgegeben hast, bist du wieder frei und offen für wahre, authentisch gelebte Partnerschaft.
Es sind deine viel zu hohen Ansprüche an einen Menschen, die es dir unmöglich machen, erfüllt und leicht mit diesem zu leben. Es sind ausschließlich diese Ansprüche. Und diese Ansprüche sind wider die Natur – sie wurden dir künstlich implantiert durch die Lüge vom perfekten Partner. Gib diesen Gedanken auf, denn ein perfekter Partner existiert nicht. Du wirst niemals einem perfekten Menschen begegnen – du wirst stets nur auf Wesen treffen, die ebenso ratlos und schutzbedürftig durch diese rätselhafte Welt streifen wie du es tust.
Daher ist es essenziell, jeden Anspruch auf Perfektion zwischen zwei Menschen ad acta zu legen, um wieder ein gesundes, sozial fruchtbar agierendes Individuum zu werden.

Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen. Sein höchstes Potenzial kann er nur in liebevoll-fruchtbaren sozialen Bindungen entfalten – er verkümmert und stirbt letztlich bei lebendigem Leibe, wenn dieses Bedürfnis nach liebevoller Nähe nicht befriedigt wird. Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen wirken als wären sie Zombies – emotional erkaltet und sozial im höchsten Maße inkompetent. Sie alle sind Opfer bösartigster Manipulation, die von jenen ausgeht, die wissen, dass unbefriedigte, vereinsamte Menschen bessere Konsumenten und kontrollierbarere Soldaten in einem unsichtbaren Krieg sind.

Diese Single-Gesellschaft, in der du lebst, ist dermaßen psychopathologisch, dass sie in die Geschichte als das dunkelste Zeitalter der Menschheit eingehen wird. Folgende Generationen werden die Single-Epoche in einem Atemzug mit dem düsteren Mittelalter nennen und sie wird als Mahnmal für die Wichtigkeit der Liebe stehen.

Auch ich selbst bin Opfer dieser Gesellschaft, aber mein Opfertum ist ein völlig anderes, denn ich bin ein Liebender geblieben, trotz der zahlreichen Verluste an wundervollen Seelen, die ich gerne ein Leben lang an meiner Seite gehabt hätte, aber die ich gehen lassen musste, weil ihre künstlichen Ansprüche auch an unsere Begegnung zu hoch waren, und ich weiß um den Preis, den ich bezahlen musste und bezahlen werde müssen, doch meine Sicht der Liebe wird niemals in die Knie gezwungen, weil ich einfach spüre, dass sie die bessere ist.
Daher sage ich:
Fuck off, Single-Gesellschaft!
Fuck you, Feudalherr und Dualseelen-Erfinder!
Mindfuck me harder – meine Liebe bleibt unmanipuliert!
Liebe schert sich nämlich einen Dreck um Perfektion und schon gar nicht um Wirtschaftswachstum, Macht oder Erfolg. Sie kümmert sich nicht um Nationalität oder ethnische Abstammung. Sie ignoriert Altersunterschiede und sogenannte Unmöglichkeiten. Liebe ist keine Disziplin, deren Ziel eine gewisse Form des Erfolges wäre.
Die Liebe ist ansich dann erfolgreich, wenn du die Hand deines Partners auch dann noch halten willst und kannst, wenn sie alle anderen bereits losgelassen hätten – sogar du selbst. Aber du bleibst, weil du spürst, dass die Liebe dich bindet und hält, weil du dich voll und ganz dem hingibst, was die Liebe dir flüstert. Sie flüstert: „Ich habe die hässlichen Aspekte unserer Begegnung gesehen, aber ich bleibe, weil ich nur so heilen kann, was meiner Heilung bedarf…“
Liebe bedeutet, dich täglich selbst zu überwinden und an deiner Partnerschaft zu arbeiten, ohne dich ständig zu fragen, ob der Partner ebenso hart arbeitet wie du – Liebe ist keine Win-Win-Situation, sie ist kein Tauschhandel und kein Geschäft, bei dem am Ende einer profitieren muss.
Liebe ist der einzige Weg, um das zu sein, was du wahrlich bist – ein wundervolles, zutiefst soziales Wesen.
Liebe äußert sich durch die Neugier darauf, was geschieht, wenn man nicht aufgibt.
Und daher sage ich zu meinem Partner:
„Ich will dich nicht perfekt – ich will dich lieben und liebend. Ich will es nicht leicht mit dir haben – ich will es lebenslang mit dir haben.
Ich will nicht glücklich durch dich sein – ich will zufrieden mit UNS sein!“

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

Partnerschaft und Konflikt


Das Problem bei Konflikten innerhalb einer Partnerschaft ist niemals der Konflikt selbst, denn ein Konflikt kann wunderbare Räume zur Selbsterkenntnis eröffnen, vorausgesetzt, man weiß, wie man ihn gewinnbringend führt. Das Problem bei Partnerschaftskonflikten sind immer die Konfliktparteien selbst, weil keiner von beiden Ahnung davon hat, wie man einen Konflikt friedvoll austrägt. Der Konflikt selbst aber ist niemals das Problem.
Meistens läuft es so ab: Einer der beiden Partner ist ärgerlich, wütend oder verletzt, was er auf irgendeine Weise zum Ausdruck bringt, und der Andere reagiert darauf, indem er automatisch mit der Schwingung des Partners in Resonanz geht. Jetzt sind beide aufgebracht. Das Feuer brennt doppelt so heiß. Wen wundert es, wenn sich beide nun die Finger aneinander verbrennen?
Zwei Aufgebrachte benehmen sich meist idiotisch. Sie geraten tiefer und tiefer in niedere Schwingung und das wirkt immer zerstörerisch. Wenn du es allerdings schaffst, deine eigene Schwingung in eine friedvolle zu wandeln, ist schon viel gewonnen. Frieden ist ein Ausdruck von Liebe. Und Liebe ist die höchste Schwingung von allen. Niedere Schwingung aber hat starke Macht – ihre Tendenz ist bindend; es ist leichter, in niedere Schwingung zu gelangen als in hohe Schwingung, weil die meisten Menschen grundsätzlich niedrig schwingen.
Ein Weg, um die eigene Grundschwingung den ganzen Tag über hoch zu halten, wäre Meditation. Die meisten Menschen aber wissen nicht, was echte Meditaion ist. Sie besorgen sich Tonträger, wo eine mehr oder minder angenehme Stimme irgendwelche Answeisungen faselt, denen man kognitiv folgen soll – das aber hat mit wahrer Meditation rein gar nichts zu tun! Wahre Meditation ist völlige Gedankenstille, die absolute Abwesenheit von Gedanken. Ich selbst praktiziere seit meinem 7. Lebensjahr eine Technik, die ich auch seit vielen Jahren unterrichte, und die jeden in diesen Zustand zu versetzen vermag – Meditation in Stille.
Wenn du kein Meditierender bist, dann musst du eben andere Wege finden, um in einem höheren Schwingungsfeld zu verweilen als der streitlustige Partner. Die simpelste Methode dabei ist, sich während des Konflikts des eigenen Atems bewusst zu bleiben, sich selbst während des Streits zu beobachten und sich den Partner als das Kind vorzustellen, das er einst war. Du kannst mit einem Kind wesentlich schlechter in Streit geraten als mit einem Erwachsenen. Und du wirst plötzlich ein Gefühl der Liebe verspüren, wenn du deinen Partner als Kind siehst. Das heißt allerdings nicht, du sollst deinen Partner nicht ernstnehmen – du sollst ihn dir bloß als Kind vorstellen! Sieh das Kind in ihm, die großen Augen, die kleinen Händchen, die Stupsnase, und wie es zürnt und schreit und weint, wie es sich mit den eigenen Emotionen überfordert fühlt – willst du diesem Kind jetzt immer noch böse sein? Kannst du ihm immer noch mit Ärger begegnen oder empfindest du plötzlich Mitgefühl?
Wenn du Mitgefühl empfindest, bedeutet das, dass du höher schwingst als der wütende, ärgerliche Partner, denn Mitgefühl ist eine sehr hohe Schwingung. Bleib in dieser Schwingung, bleib bei der Vorstellung deines Partners als Kind. Du wirst bemerken, wie du auf diese Weise wesentlich größere innere Ruhe bewahren kannst als üblich. Beobachte dich immer wieder selbst, indem du innerlich aus der Situation heraustrittst, so als wärst du ein unbeteiligter Dritter – wann bist du fair, wann zielst du mit deinen eigenen Handlungen, mit deinen Worten unterhalb der Gürtellinie?

Wisse: Dein Partner hat gute Gründe für seinen Ärger, für seine Wut, aber es sind dies seine eigenen – sie haben mit dir weit weniger zu tun als mit ihm selbst. Achte die Gründe des Partners, gehe aufmerksam darauf ein, aber sei dir sicher, die hitzige Emotion legt sich schneller, je liebevoller, je gelassener du bleibst. Du sollst auf keinen Fall versuchen zu siegen durch bessere Argumente oder scharfe Worte – du sollst ruhig und gelassen den Gewinn anstreben. Sieg und Gewinn sind nicht dasselbe – sie sind sogar Gegensätze! Sieg bedeutet, dass einer von beiden am Boden zerstört liegen bleibt, dass er vernichtet wird. Gewinn aber ist eine Bereicherung auf beiden Seiten. Am Ende haben beide etwas gewonnen – das ist Gewinn! Wenn du im Streit auf deinen eigenen Sieg bedacht bist, verlierst du letztlich selbst. Wenn du aber den Gewinn wünscht, dann gibt es am Ende keine Verlierer, sondern nur zwei Gewinner.
Der Gewinn durch Konflikte innerhalb einer Partnerschaft ist grundsätzlich Selbsterkenntnis auf beiden Seiten – was hast du über dich durch den Konflikt erfahren? Was hast du über eure Beziehung erfahren? Und wie seid ihr verblieben, um Lösungen für die Zukunft zu finden?
– Diese Fragen stelle dir selbst! Die Antworten darauf sind dein Gewinn. Die Antworten des Partners auf diese Fragen sind sein Gewinn. Und falls dein Partner sich diese Fragen nicht stellt, dann ist das seine Sache – er ist nicht dein Siamesischer Zwilling; er hat das Recht, anders zu handeln als du es dir vielleicht wünscht. Wichtig ist, dass du durch den Konflikt etwas über dich selbst erfahren hast.
Wie auch immer du deine Konflikte auszutragen gewohnt bist, bedenke: Wenn du das Fell einer Trommel schlägst, gerät das Trommelfell der nebenstehenden Trommel ebenfalls in Schwingung; es geht ganz automatisch in Resonanz. Wenn also jemand den Raum betritt, der die Trommel schlagen möchte, dann sei du die Harfe, denn die will zart gezupft sein!

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

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Partnerschaft und Bewusstwerdung


Der wahre Sinn einer Partnerschaft liegt nicht darin, dass du jemand hast, der dich vervollständigt oder gewisse Bedürfnisse befriedigt, denn vollständig bist du bereits und Bedürfnisse musst du dir selbst befriedigen. Besser aber ist, du hast gar keine Bedürfnisse, sondern bloß Tendenzen und Vorlieben – damit lebt es sich bedeutend leichter und freier. Dein Partner ist jedenfalls nicht dein ganz persönlicher Bedürfnisbefriediger, sondern ein Gefährte, den du auf Augenhöhe triffst, um mit ihm gemeinsam in das ewige Mysterium der Liebe vorzudringen. Er ist in der Liebe ebenso blind wie du – bedenke das stets! Er kennt den Weg ebenso wenig wie jeder andere in dieser Welt auch. Es gibt in der Liebe keine Profis, sondern nur ewige Anfänger. Daher mache deinem Partner keine Vorwürfe, wenn er in der Liebe zu dir stolpert – fange ihn lieber auf. Trage ihn da, wo er selbst nicht gehen kann, und lasse dich von ihm tragen, wo du selbst keine Kraft zu gehen hast. Aber verfalle nicht dem Irrtum, dein Partner wäre in dein Leben gekommen, um dich glücklich zu machen oder dir die Last des Daseins abzunehmen.
Sein Erscheinen in deinem Leben hatte einen ganz anderen Grund: Seine Seele ist da, um deine Seele daran zu erinnern, wer ihr wirklich seid – lebendige, atmende, wandelnde Liebe, die durch sich selbst reist, um sich als lebendige, atmende, wandelnde Liebe auf Ebene materieller Erfahrung zu erkennen. Der ganze Sinn eurer Begegnung liegt darin, euch gegenseitig euer wunderschönes Wahres Selbst in Erinnerung zu bringen – reines Bewusstsein, Göttlichkeit auf materieller Ebene. Das ist der höchste Sinn eurer Begegnung.
Die wahre Bedeutung einer jeden Partnerschaft liegt demnach nicht im Glücklichwerden, sondern in Bewusstwerdung. Glück ist dabei bloß ein Nebenprodukt, das aber immer gleich mit demselben Maß an Unglück ins Haus kommt, denn eines bedingt das andere.
Wenn ihr so lieben könnt, dass euch bewusst wird, eure Liebe besteht jenseits von Glück und Unglück, dann seid ihr auf dem besten Wege, in der Liebe keine Blinden mehr zu sein, sondern Sehende zu werden. Und ihr werdet sehen und endlos staunen, denn eure Reise durch das ewige Mysterium der Liebe hat niemals ein Ende – sie erhebt sich fließend von einer Ebene zur nächsthöheren.
Sobald euch also bewusst wird, dass ihr nicht fürs Glücklichsein sondern zur Bewusstwerdung zusammengekommen seid, lösen sich die meisten eurer Konflikte plötzlich in Luft auf, denn in Wirklichkeit waren sie das auch – Blähungen eurer Egos, törichte, unbedeutende Luftblasen im unendlichen Ozean der Liebe. Seid mutig und bereit, wieder und wieder darin zu ertrinken – ihr werdet jedesmal erneuert daraus emportauchen und eine völlig neue Ebene des Daseins erfahren. Seite an Seite, Seele in Seele, als ein Wesen vereint im geklärten Bewusstsein der Liebe. Das ist der wahre Sinn einer jeden Partnerschaft.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

Trennung und Rache


Es ist ein betrüblicher Fakt, aber du musst lernen, damit zu leben: Manche Menschen verkraften Trennungen nur dann, wenn sie Rache üben können in dem Versuch, ihren Schmerz damit zu kompensieren, den zurückbleibenden Teil einer Partnerschaft (die einst schön und voller liebevoller Gesten war) restlos zu zerstören.
– Sogar dann, wenn sie selbst die Trennung ausgesprochen haben, können manche Menschen nicht anders, als mit ihrem Schmerz auf diesem Wege zu verfahren. In Wahrheit offenbart sich in diesen Menschen bloß das zutiefst verletzte Innere Kind, das nie gelernt hat, mit Schmerz anders umzugehen, als zu schreien, zu toben und wild umsich zu schlagen. In all den Racheakten, dem Wüten, dem Hassen steckt jedoch nichts weiter als der stumme aber verzweifelte Schrei nach Liebe.
Was kannst du in einem solchen Falle tun?
– Du kannst, so gut es dir möglich, den Racheübenden vor sich selbst und seinem eigenen Schaden bewahren. Und du bist dazu aufgerufen, dem verletzten Inneren Kind dieses Menschen jene Liebe zu geben, nach der es so verzweifelt schreit. Es ist, wie ich so oft schon sagte, immer wieder die Frage: Was würde die Liebe jetzt tun?

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

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