Tag des Vaters


Als ich im November 1991 das erste Mal Vater wurde, bekam mein Leben zum ersten Mal wirklich Sinn. Und auch wenn ich damals verhältnismäßig jung war, so fand ich in der Aufgabe und Ehre, in der Verantwortung und der Ernsthaftigkeit meiner Vaterschaft das erste Mal wahrhaftig Glückseligkeit.
Im März des Jahres 2017 durfte ich das zweite Mal Vater werden. Dieses Mal bin ich verhältnismäßig alt, aber an der Glückseligkeit und der unbändigen Freude an meiner Vaterschaft hat sich nicht das Geringste geändert – im Gegenteil: Sie ist unermesslich gewachsen!
Und auch wenn ich von diesen Anlass-Tagen nicht viel halte, so möchte ich diesen heutigen Tag dazu nutzen, mich ganz bewusst in Liebe und Dankbarkeit an all die Männer in meinem Leben zu erinnern, die mir Stück um Stück zeigten, wie ich als Vater sein möchte und wie ich niemals werden will. Ich möchte diese Männer in Aufrichtigkeit ehren, sie in meinem Innersten erheben zu wertvollen Lehrern, ich will ihnen sagen, dass sie mich durch ihr Vorbild zu jenem Vater gemacht haben, der ich heute sein kann und darf.

Allen voran danke ich meinem Großvater, der mich lehrte, mutig zu sein, der mir Tiefsinnigkeit und ein simples Gespür für die Poesie der Welt schenkte. Du warst mir ein Vorbild an Tapferkeit und Standhaftigkeit und ich werde den Tag niemals vergessen, kurz bevor das Leben dich fällte wie eine alte Eiche, als du im Wind standest mit deinem immer noch geraden Rücken und deinem schlohweißen Haar, das schütter im Wind wehte – als diesen aufrechten Mann trage ich dich in mir.

Ich danke meinem Vater, der mich Geduld und Durchhaltevermögen lehrte, der mich an totale Gewaltlosigkeit und den unerschütterlichen Glauben in die eigenen Träume gemahnte. Du lebst in mir als die Wahrheit von Love & Peace, als die Liebe zur Musik und zum Schöngeist. Ich werde dich immer als den lässigsten, geduldigsten Mann erinnern, der, eine „Camel“ zwischen den Fingern, dem Leben und seinen Härten ein gelassenes Lächeln und ein paar Rauchkringel schenkt.

Ich danke meinem Stiefvater, der mich Heldenhaftigkeit lehrte und das Handeln, wenn Worte keinen Sinn mehr machen, der mir beibrachte, dass man hilft, ohne Gegenleistung zu erwarten, und dass man als Vater von dem, was man erwirtschaftet, nur den kleinsten Teil für sich beanspruchen muss. Du wirst für mich immer der kraftvollste und fleißigste Mann sein, an den ich mich erinnern möchte.

Ich danke auch all den anderen oft stillen Männern, die mir Beispiel und Vorbild waren. Ihr alle seid Teil meines Weges zum Mann und Vater gewesen. Und so unterschiedlich ihr als meine Lehrer zum Mann- und Vatersein auch ward, da sind drei große Qualitäten, die ich in euch allen fand: Güte, Warmherzigkeit und einen gewissen Trotz den Härten des Lebens gegenüber. Ich glaube, diese Qualitäten sind es, die uns Männer und Väter so unverzichtbar machen. Ja, und so bin ich der gütigste Vater und der warmherzigste und der trotzigste geworden. Und ich hoffe, ich bin der liebevollste Vater, den die Welt jemals ertragen musste.

Zum Abschluss aber möchte ich auch all den anderen wunderbaren Vätern dieser Welt danken – meinen Brüdern, meinen Schwägern, Freunden und jenen, die ich persönlich nicht kenne. Ich danke im Namen unserer Kinder für eure Opfer, für eure Geduld mit den Müttern, für eure Güte, für eure Warmherzigkeit und euren Trotz dem Leben gegenüber. Und auch wenn wir Väter das Leben niemals bezwingen werden und auch gar nicht bezwingen müssen, so werden wir ihm in all seiner Härte, all seiner Verrücktheit und Gnadenlosigkeit dennoch erhobenen Hauptes begegnen mit einer Kraft im Herzen, die sagt: Bevor du meine Kinder und deren Mutter kriegst, musst du erst durch mich hindurch! Und all das tun wir in Liebe. In Liebe für unsere Kinder und deren Mütter. Es ist die Liebe, die uns schließlich zu Vätern macht und die Vaterschaft, die aus uns Männer macht. Es ist am Ende immer die Liebe, die uns zu etwas Großem erhebt.

Daher gebe ich letztlich meinen ganz persönlichen Vatertag an meine Kinder und an all die Kinder dieser Welt zurück, indem ich ich mich heute abermals ganz bewusst meinen Kindern schenke mit Haut und Haar, mit Herz und Seele. Für euch bin ich gekommen – für euch allein will ich leben, denn ihr, Kinder, ihr seid das Licht, die Liebe und die Hoffnung dieser Welt. Und ihr seid das Wundervollste, das Schönste und Heiligste, was ich im Leben jemals bekommen habe. Ich danke dafür, euer Papa sein zu dürfen.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2017 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Babys und Nähe


Erwachsene Menschen schlafen nicht gerne alleine. Den Babys und Kindern aber zwingen sie nächtliche Einsamkeit auf. Und das halten sie sogar für richtig, weil irgendwelche Studien von irgendwelchen Experten das so bestätigen. Das Seltsame daran ist jedoch, dass viele Eltern zwar ihren Säugling allein in einem Bettchen schlafen lassen, sich selbst aber nachts an ihre bessere Hälfte kuscheln. Dabei wissen sie nicht, was sie dem kleinen Menschen antun, wenn sie ihn vom Kuscheln ausschließen. Es scheint ihnen nicht bewusst, dass sie dem kleinen Erdenbürger auf diese Weise ungewollt psychischen Schaden zufügen.

Empathie für den Säugling kann helfen:
Zuerst lebte dieser winzige Mensch etwa 40 Wochen lang, rund um die Uhr, geborgen in seinem weichen, gedämmten und warmen Nest der Fruchtblase innerhalb der Gebärmutter, um von einem Tag zum anderen völlig nackt in eine kalte Welt voller lauter Geräusche, heller Lichter und fremder Gerüche gestoßen zu werden. Er wird nicht mehr über eine Nabelschnur genährt. Er wird nicht mehr über den Atem der Mutter mit Sauerstoff versorgt. Er muss plötzlich Milch saugen, um satt zu werden und seine Verdauung muss von einem Tag zum anderen ungewohnte Arbeit leisten. Da ist auf einmal fremder, trockener Stoff von Kleidung auf seiner Haut, denn nur das hält ihn warm. Und all die schützende Geborgenheit des Mutterleibes fehlt plötzlich. Sie ist vollends verschwunden.

– Wie kannst du da einen kleinen, schutzlosen Menschen nachts auch noch alleine liegen lassen; vielleicht mit einem leblosen, kalten und fremd riechenden Kuscheltier als gut gemeinten Ersatz für den Job, den eigentlich du erledigen solltest: Das Spenden von Nähe?

Falls du also dein Baby wirklich liebst, dann hole es nachts zu dir ins Bett. Lass es zwischen dir und deinem Partner schlafen. Schenke ihm so viel Geborgenheit und Nähe, wie du nur kannst. Gib deinem Baby tagsüber ganz viel Körperkontakt, am besten in einem Tragetuch. So ist es dir den Tag über nahe, kann deine Wärme, deinen Herzschlag und deinen Atem fühlen. Und nachts lass es spüren, dass du neben ihm liegst, damit es deine Wärme empfängt, deinen Atem hört und du sofort für den kleinen Menschen da sein kannst, sobald er wach wird.

Meine Frau und ich, wir lassen unsere Babytochter, wie dereinst ihren heute fünfundzwanzigjährigen Bruder, nachts stets zwischen uns schlafen. Und wir wollen das solange beibehalten, bis sie ganz von selbst den Schlaf im eigenen Bett verlangt. Bis dahin darf sie, wie ihr älterer Bruder damals auch, selbstverständlich zwischen uns liegen. Oft schläft sie sogar auf dem Bauch ihrer Mama oder ihres Papas ein. Wir spüren, wie sehr die Kleine das genießt. Und es gibt auch für uns nichts Schöneres, als diesen kleinen, schutzbedürftigen Körper ganz nah bei uns zu haben.
In den ersten Nächten legten wir die Kleine auf eine zu einem Rechteck zusammengefaltete Kuscheldecke zwischen uns, damit sie etwas erhöht liegt und wir sie in der Nacht nicht unbeabsichtigt überrollen. Wobei das eher für mich zutreffend war, denn meine Frau wird ohnehin durch die erhöhte Prolaktin-Ausschüttung beim geringsten Seufzer unseres Babys wach. Meine väterliche Prolaktin-Menge reichte dafür gerade mal die ersten drei Nächte aus. Mittlerweile aber liegt unser Babystern auch ohne Überrollschutz in unserem Bett, schön eingekuschelt zwischen seiner Mama und seinem Papa. Wir könnten es uns gar nicht anders vorstellen, als diesen nächtlichen Kuschelbetrieb zu pflegen, denn wir wissen um seine wichtige Bedeutung für die Entwicklung unseres Kindes.
Auf physiologischer Ebene wird durch das Kuscheln und den Körperkontakt nämlich die Oxytocin-Ausschüttung erhöht. Oxytocin wirkt sowohl als Hormon als auch als Neurotransmitter und ist gemeinhin als „Bindungshormon“ bekannt. Es verringert den Blutdruck und den Kortisolspiegel, wirkt beruhigend und kann zu verbesserter Wundheilung führen. Oxytocin reduziert zudem die Auswirkung von Stress. Sowohl auf neurochemischer als auch auf psychologischer Ebene wird Oxytocin beim Menschen mit psychischen Zuständen wie Liebe, Vertrauen und innerer Ruhe in Zusammenhang gebracht. Babys produzieren nicht nur nach dem Nuckeln, sondern – wie Erwachsene auch – beim Kuscheln Oxytocin. Daher ist es enorm wichtig, deinem Baby so viel Nähe und Kuscheleinheiten wie möglich zu schenken.

Die Vorstellung, dass es unzählige Babys auf dieser Welt gibt, die nachts alleine liegen müssen, tut meiner Frau und mir einfach im Herzen weh. Und die Mär davon, dass es den plötzlichen Kindstod fördert, wenn das Baby im elterlichen Bett schläft, die kann wohl auch nur von kopfgesteuerten, durch die Gehirnwäsche einer Universität paranoid gemachter Medizinern in die Welt gesetzt worden sein – kein Mensch ist jemals durch zu viel liebevolle Nähe gestorben.

Dieser Appell an alle Eltern, die ihre Babys, aus welchen Gründen auch immer, nachts alleine liegen lassen, wurde mir heute Nacht von meiner Babytochter im Traum aufgetragen. In meinen Träumen sagte sie „Papa, heute wirst du einen Artikel für uns kleine Menschen schreiben, in welchem du dazu aufrufst, uns in die Betten unserer Eltern zu holen, denn wir wollen nicht alleine schlafen. Wir brauchen ganz viel Nähe. Die ganze Welt braucht ganz viel Nähe.“
Tja, und so wie es das Töchterlein im Traume mir sagte, so ist es nun auch gekommen. Daher bitten wir im Namen aller Babys: Holt die kleinen Menschen nachts zu euch! All die Nähe, die ein Mensch von seinem ersten Tage an bekommt, wird jene Nähe sein, die er dereinst selbst wird geben können. Diese Welt braucht Liebe. Wir können diese Liebe geben. Und wenn wir diese Liebe ganz früh unseren Kindern schenken, dann werden diese Kinder sie an die Welt weitergeben.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2017 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Und das ist alles, was zählt


In meine Arme,
in meine Arme,
in meinen Händen dein Herzschlag.
So klein,
so kraftvoll.
Und ich erinnere mich an jene Zeit,
als du ohne Worte zu mir sprachst,
kleines Wunder,
kleines Wunder ganz groß.

Da sein,
ich will da sein,
wenn du kommst.
Und du wirst da sein,
wenn ich gehe.
Es ist schwer,
es ist so schwer,
dir diesen Weg nicht ersparen zu können.
Du wirst da sein,
wenn ich gehe.
Aber jetzt noch nicht.
Jetzt noch nicht.

Nimm meine Hand,
schau die Berge,
schau die Täler und die Flüsse,
meine Falten und das graue Haar,
der Duft des Frühlings und die Milde des Schnees.
Höre die Bienen und die Fliegen,
schmelze mit den Wassern im März,
atme den Mai und brenne im Juli,
wenn die Sonne mehr verspricht,
als sie hält.

Jetzt noch nicht.
Jetzt noch nicht.
Ein paar Jahre,
ein kurzes Stück des Weges,
bleib als Teil meiner Seele,
als das Atemlose,
das Namenlose,
als der erste Schrei in einer fremden Welt.

Ich will da sein,
wenn du kommst.
Und du wirst da sein,
wenn ich gehe.

So tapfer,
so milde,
so sehr du selbst.
So nehme ich dich,
so sehe ich dich,
so liebe ich dich,
kleines Wunder ganz groß.

Es ist nicht die Zeit für Revolte,
es ist nicht die Zeit für Kampf,
es ist nur Zeit.
Es ist immer nur Zeit.

Bleib wach,
schlafe niemals ein,
wenn du durch diese Welt wandelst.

Und ich weiß,
es ist nicht leicht,
ruhig zu bleiben,
wenn alle Welt in Aufruhr ist
und du erkennst,
da läuft was schief.
Aber es ist nicht Zeit für den Kampf,
es ist nicht Zeit für den Widerstand,
denn es ist Zeit,
es ist immer nur Zeit.

Und all die Zeit über,
habe ich die Dinge,
die ich wusste,
in mir behalten,
aber ich spreche sie in dein Herz,
jetzt,
mit deinem Namen.
Und ich nenne dich: Helena.

Wilde Pferde,
wilde Pferde,
Würde und Wahrheit,
ein unbeugsames Genick,
sanftes Geschick und Liebe,
das ist mein Wunsch für dich.

Und all die Zeit über,
habe ich die Dinge,
die ich wusste,
in mir behalten,
aber ich spreche sie in dein Herz,
jetzt,
mit deinem Namen.
Und ich nenne dich: Helena.
Du lebst.
Und das ist alles,
was zählt.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2017 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Kinder brauchen keine Regeln


Ein Kind muss so frei als möglich aufwachsen. Jede Regel, die du zwangsweise an Kindern durchsetzt, tötet ein Stück ihres Geistes und sollte dir selbst einen gewaltigen Mangel an natürlicher Autorität aufzeigen. Wer zwingen muss, ist schwach. Wer Zwang braucht, um sich durchzusetzen, verfügt nicht über Autorität sondern bloß über psychische Gewalt, die stets ein Zeichen von Schwäche ist. Und Kinder orientieren sich dann an dieser Schwäche, die sie irrtümlich für Stärke halten. Daraus entstehen dann weitere Generationen armseliger Machtmenschen für die das Mittel der Unterdrückung als Werkzeug der Stärke gilt.

Kinder brauchen weniger Regeln und mehr Förderung ihrer Kreativität. Eltern, die frühzeitig die wahren Talente eines Kindes erkennen und fördern, legen der Seele dieses Kindes den Schlüssel zur Großartigkeit in Händen. Dabei müssen diese Eltern tunlichst darauf achten, nicht die eigenen unerfüllten Lebensträume auf das Kind zu projizieren, was dieser Tage der Regelfall ist. Kinder wurden nicht dazu geboren, die verpatzten Schicksale ihrer Eltern zu korrigieren, sondern um der eigenen Bestimmung zu folgen. Und diese Bestimmung kann völlig konträr zum Wunsch der Eltern stehen. Akzeptiere das in Liebe.
Achte sehr genau auf die Art der Schule, die du deinem Kind angedeihen lässt. Wenn du dein Kind in eine Regelschule steckst, tötest du es geistig. Es wird in dieser Schule systematisch angeglichen an die Dumpfheit des Lohnsklaventums. Es wird zum funktionierenden Roboter konditioniert. Man bringt ihm bei, im Gleichschritt zu denken, zu leben und zu funktionieren. Das kommt einer psychischen Tötung des Kindes gleich. Es wird durch diese Schule niemals zu seiner vollen Schönheit, zu seiner vollen Blüte heranreifen können.

Betrachte ein Kind nicht als dein Eigentum – betrachte es als Baum, zu dessen Gärtner du bestellt wurdest. Lass ein Kind in höchstmöglicher Freiheit aufwachsen ohne große Sorgen um seine Bestimmung, denn diese bestimmst nicht du; sie ist bereits von höherer Stelle vorgezeichnet. Betrachte dein Kind als Baum, dessen Same man dir gab. Sein Platz wurde vorgegeben. Achte du darauf, dass dieser Baum ausreichend Licht, Schatten, Nährstoffe und Wasser bekommt. Halte ihm die Schädlinge fern, aber beschneide diesen Baum niemals durch kranke Regeln, deinen persönlichen Lebensfrust oder die Angst vor dem eigenen Versagen – die Seele eines Kindes hat ihren eigenen Weg. Den gilt es freizuhalten in Liebe.
Jede zwanghafte Regel, die du einem Kind auferlegst, tötet seine Kreativität, seine Schönheit, seine natürliche Wildheit.
Wenn du ein Kind liebst, schenke ihm das Höchstmaß an Freiheit und Vertrauen in seinen ganz persönlichen Lebensweg. Fördere ein Kind, aber beschränke und beschneide es nicht. Und bedenke: Die größten Persönlichkeiten der Menschheit waren keine Musterschüler und Vorzeigekinder, sondern Rebellen und Regelbrecher. Solchen Menschen verdankst auch du eine Menge.
Wenn du also eine neue Welt wünscht, lass zwei Generationen von Kindern in Liebe und Freiheit aufwachsen. Und beginne mit jenen Kindern, die dir das Leben in Obhut gestellt hat.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2016 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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Der Krieger und der Weise


Der wesentlichste Unterschied zwischen dem Krieger und dem Weisen ist jener, dass der Weise erkannt hat, dass er bereits besiegt wurde – vom Leben, von der Liebe, vom Schicksal und in weitester Folge vom Tod. Daher ist er bereit zu akzeptieren. Er lebt jenseits des Kampfes, jenseits des Wunsches nach Kontrolle. Er weilt in der Akzeptanz dessen, was ihn umgibt. Und diese Akzeptanz macht ihn unendlich machtvoll und still. Er handelt nur noch dann, wenn es wirklich nötig ist.
Der Krieger hingegen will alles bekämpfen, alles an sich reißen, es kontrollieren. Er glaubt in seiner Torheit noch an den Sieg und erschöpft sich im Gefecht gegen übermächtige Gegner. Doch er wird nicht siegen – gegen das Leben, die Liebe, das Schicksal oder den Tod. Er wird pausenlos in die Knie gezwungen, er wird verlieren, bleibt jedoch töricht genug, der Übermacht mit neuen Waffen und Strategien zu antworten. Dabei leidet er, kann aber seinen Kampf gegen Windmühlen nicht beenden, bevor er sich nicht vom Krieger zum Weisen wandelt, bevor er nicht erkannt hat, dass er nur noch dann handeln muss, wenn es unbedingt nötig ist. Er wird keinen Frieden finden, solange er nicht gelernt hat zu akzeptieren.
Diese Welt ist eine Welt erschöpfter, trauriger Krieger, die unheimlich stolz auf ihren Kampf, ihre Torheit sind. Wäre diese Welt eine Welt der Weisen, würde sie in Frieden liegen; sie wäre bevölkert von zufriedenen Menschen, die sich freudig dem hingeben, was sie im Augenblick umgibt. Es gäbe keine Tendenz mehr zum Kampf, zur Macht oder Kontrolle, weil Weisheit weder kämpft noch sich in sinnloser Aktivität erschöpft.
Und so wird es stets klüger sein, den Weg des Weisen statt jenen des Kriegers zu gehen.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2016 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

Von Wahrheit und Heuchlern


Wahrheit ist nicht bequem und Wahrhaftigkeit eine Tugend, die in einer Welt der Lügen nicht gut ankommt. Daher nimm es nicht so schwer, wenn Menschen dich ablehnen, weil du aufrichtig das sagst, was du wirklich-wirklich denkst, das zeigst, was du wirklich-wirklich fühlst, und das lebst, was du wirklich-wirklich willst.
Menschen, die mit dem Finger auf dich zeigen, vergessen gerne, dass dabei drei Finger immer auf sie selbst deuten.
Du weißt ja, nur wer den Ball hat, wird angegriffen. Und der Ball ist stets die Wahrheit. Alle sind hinter ihm her, aber nur wenige können ihn halten.
Wusstest du übrigens, dass z.B. Osho, nachdem man ihn aus den USA verwiesen hatte, in keinem Land der Welt mehr Niederlassungsbewilligung erhielt?
– Das lag gewiss nicht daran, weil sein Bart zu lang war oder er mit zu vielen Frauen Sex hatte, seine 72 Rolls Royces keine Garage fanden oder seine Rolex zu zahlreich mit Diamanten besetzt waren. Es lag daran, dass er wahrhaftig war. Und Wahrhaftigkeit ist immer kontrovers, sie ist immer widersprüchlich, sie wird stets polarisieren. Wahrhaftigkeit ist der Erleuchtete im Bordell, der närrische Weise, das wahnsinnige Genie, der sündige Heilige – dumme, unbewusste Menschen bringen die Kontroverse einfach nicht unter einen Hut; er ist ihnen zu eng, um weitläufig zu erkennen.
Es gibt rund 7 Milliarden Wahrnehmungen, aber nur eine Wahrheit, denn Wahrheit bleibt immer gleich. Ganz egal, wer sie verkündet, sie ist unveränderlich – daran ist sie zu erkennen.
Und Heuchler tun so, als wünschten sie die Wahrheit, wenn sie ihnen aber begegnet, wollen sie sie töten, weil sie durch die Wahrheit an ihre eigene Lüge erinnert werden.
Es gibt so viele Heuchler auf dieser Welt. Daher ist es egal, was andere über dich sagen – sie werden sich immer das Maul zerreißen, um von ihrer eigenen Scheiße abzulenken. Was auch immer du tust, wie auch immer du dich verhältst – sie werden stets etwas finden, wofür sie dich verurteilen können. Und je massiver sie dich verurteilen für das, was du verkörperst, desto wahrhaftiger bist du.
Sobald du erst einmal zu dir selbst erwacht bist, sobald du begonnen hast, wahrhaftig zu sein, werden sie alles dransetzen, dich zu diskreditieren, dich zu diffamieren und fertig zu machen. Denn es gibt immer etwas, das man gegen dich verwenden wird können. In jedem Leben existiert genug Mist, um die Felder anderer damit zu düngen. Daher nimm es nicht zu schwer, wenn sie auf dich losgehen. Du solltest darauf eher stolz sein, denn es ist ein Zeichen für deine Authentizität, für deine Wahrhaftigkeit. Geh unbekümmert deinen Weg, ganz gleich, ob das anderen gefällt oder nicht, denn:
Was kümmert ‘s den Mond, wenn ihn die Hunde anbellen?

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

Und wir wandern blind


Man kann unmöglich wissen, wohin eine Weggabelung führt, welches Ergebnis eine Entscheidung bringt, oder wann etwas zerstört wird, wann etwas aufblüht oder stirbt.

Was, wenn ich tausend Meilen wanderte?
Würde ich vergessen können?
Fände ich Erlösung, fände ich Läuterung?
Träfe ich das Lächeln jener wieder, die ich gehen ließ?
Könnte das, was ich träume, bereits jenes Leben sein, das mir zusteht?
Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir bereits angekommen sind, ohne uns jemals auf den Weg gemacht zu haben?

All diese Fragen stelle ich, ohne mich um die Antwort zu kümmern, die sich mit jedem Schritt wandelt. Ich wandere einfach weiter. Schritt um Schritt. Und je weiter ich wandere, je näher der Abend rückt und sich die Zahl der noch bleibenden Tage beständig verkürzt, desto klarer wird mir: Dies alles war und ist mein Leben. Mag es auch noch so schmerzhaft, so wild, so verrückt und unerklärlich bleiben – in all seiner Unabänderlichkeit ist es das meine. Es ist mir so nahe, es erscheint mir so ähnlich, dass ich es unbedingt als das meine erkenne. Und doch bleibe ich ihm fremd.

Aber heute weiß ich, dass man nicht mehr nach dem Stern am Himmel greifen muss – es ist genug, ihn sehen zu dürfen. Ich weiß, dass du nicht bei mir sein musst, um dich lieben zu können – es reicht zu wissen, dass es dich gibt. Und ich erkenne, dies alles ist unabänderlich. Dies alles ist heilig.

Und so überquere ich abermals die Brücke in ein neues Leben, zu der mich mein bisheriges Leben geführt hat. Nicht ohne Blick zurück, nicht ohne einen Teil des Gesterns ganz fest an mein Herz zu drücken und zu flüstern „Du fehlst mir, doch lebe wohl!“ Und ich weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich in 9 Monaten einem Menschen begegnen werde, der ähnliche Wege ging, und den ich in einem Moment treffen werde, da wir beide es am wenigsten erwarten, mit dem ich eine Tochter zeugen werde, der ich den Namen gebe, den ich heute manchmal leise flüstere. Ich weiß noch nicht, dass wir in einem Haus leben werden, von dessen Schlafzimmer aus ich diese Brücke werde sehen können, über die ich in diesem Augenblick gehe.
Denn man kann unmöglich wissen, wohin eine Weggabelung führt, welches Ergebnis eine Entscheidung bringt oder wann etwas zerstört wird, wann etwas aufblüht oder stirbt.
Und wir sind niemals auf das vorbereitet, was wir erwarten.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2015 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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