Ich reise, um dich nicht zu finden


girl07

Die Füße tragen mich scheinbar ziellos durch die Stadt,
in der ich ein Fremder bin.
Doch dann wird meinem Herzen klar,
ich bin nur wegen dir so weit gekommen.
Bei jedem Auto an der Ampel habe ich Angst,
du könntest drinnen sitzen in bitterer Schönheit.
Bei jeder Frau mit deinem Haar,
die mir den Rücken zuwendet,
fürchte ich,
sie würde sich umdrehen,
mich mit deinem Lächeln entwaffnen und K.O. schlagen.
An jedem Küchenfenster erschrecke ich,
denn da drinnen könntest du jetzt leben in einem Glück ohne mich,
und ich käme längst zu spät zum Abendbrot.
Jeder aufgeschnappte Gesprächsfetzen scheint eine Anekdote,
ein grausames Messer aus deinem neuen Leben zu sein.

Und doch liebe ich diese Stadt.
Und doch liebe ich dich mehr, als jemals zuvor.

Die Sehnsucht zieht mich scheinbar ziellos durch die Strassen,
in denen ich ein Fremder bin.
Doch dann wird meinem Herzen klar,
dass ich hoffnungsvoll eigentlich bloß dich suche.
Wie dumm das in einer Millionenstadt anmutet,
wird mir erst nach dem dritten Weißbier klar.
Bei jedem Geschäft,
in dem ich sinnlos einkaufe,
habe ich Angst,
du tätest dort dasselbe.
In jedem dröhnenden Bus könntest du sitzen,
mich sehen, mich erkennen,
während ich dich verpasse und das Leben sein Drama spinnt.
Bei jedem neunjährigen Kind fürchte ich,
es könnte bald Zehn werden und den Namen deiner Tochter tragen.
Nichts ist wie es früher war.

Und doch liebe ich diese Stadt.
Und doch liebe ich dich mehr, als jemals zuvor.

Ich kann nicht mehr umkehren,
dafür ist es längst zu spät.
Der Weg wurde mein Ziel.
Und hinter jeder Ecke lauert die Hoffnung,
lauert wie ein Straßenräuber,
um mir erneut das Herz zu stehlen.

Und doch liebe ich diese Stadt.
Und doch liebe ich dich mehr, als jemals zuvor.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2013 text by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz. Creative Commons Licensce

Ich nannte dich Hanna


walking-alone01In der Lotusblüte meines Herzens,
dort wiege ich dich immer noch
wie einen Embryo
– warm, sicher, weich.

Und jedes Mal,
wenn ich ihn gebären möchte,
wickelt sich die Nabelschnur fester,
raubt deine Flucht der Liebe die Luft.

Unter der Muschelschale meines Geistes
trage ich dich heimlich im zarten Fleisch,
ähnlich einem giftigen Dorn
– hart, kalt, stechend.

Und jedes Mal,
wenn du ihn herausziehen möchtest,
packe ich deine Hand,
ramme ihn mir noch tiefer hinein.

Alles an dir ist Schönheit,
jedes mit dir war Lust – selbst der Schmerz.
Und da als Einziges geblieben,
gebe ich ihn nicht auf.

Durch traumlose Nächte,
in den schattenfreien Illusionen
meines Rufes bist du weiterhin jene Eine
– Königin unter Göttinnen.

Ich starre durch dunkles Glas
auf jene Stelle,
an der du gestanden,
fassungslos und ungläubig bleibe ich zurück
– du kehrst nicht um, ziehst lächelnd stumme Kreise.

Deine Augen erstrahlen in Klarheit,
so lange vermisst,
so bitter ersehnt,
so viele Leben von ihrer Sanftheit verfolgt,
doch dieser hier ließ dich ziehen,
wieder und wieder,
duldet gespaltene Zungen und falsches Zeugnis
wider unserer Tage
– so versuchst du dich zu retten.

Anbetung, sagtest du in langen Nächten,
doch du knietest bloß in Angst.

All mein Halten an dir
ist mein Loslassen
– wir können Hand in Hand nicht gehen,
denn die Wahrheit ist:
Ich liebe dich – da ist nichts mehr zu sagen.

– David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2013 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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