Atemlos


Die Wolkendecke meines Traumes zerreißt. Mit dem gleißenden Arm einer aufgehenden Sonne dringt zunächst ihre Berührung, dann ihr Lächeln in den sich lichtenden Dämmer vor.
Das Blinzeln meiner Augen – erste Blitzlichtfotografien dieses Morgens.
Ich sehe sie an, nachdem ich aus dem Nachtzug meines Schlafes ausgestiegen bin, um nach dem vertrauten Gepäck für das Leben diesseits das Träumens zu greifen.
Den einen Arm in die Matratze gestützt, den vollendeten Oberkörper aufgerichtet, neigt sie den Kopf sanft, zieht mit dem Zeigefinger der anderen Hand zart die Konturen meiner Lippen nach.
Es wirkt, als schüttle auch sie Träume aus dem Vorhang ihrer dunklen, armenischen Mähne. Für einen Augenblick ist sie wieder jene wilde, strahlende Kriegerin, die Bogenschützin, die mich mit einem einzigen Pfeil töten wird, bevor sie sich in eine aufopfernde Mutter verwandelt, die nachts mit ihrem Liebsten Dinge tut, für die noch keine Wörter erfunden wurden.
Es ist warm in dem künstlichen Mutterleib unter der Bettdecke, den wir in den knappen Stunden unseres Schlafes, unserer unausweichlichen Ohmacht teilten.
Sie lächelt.
Wortlos küsse ich im Geiste jedes Fältchen dieses Gesichts.
Es war immer ihr Gesicht, stets genau dieses Lächeln.
Weich weben die Fäden ihres Nachtduftes durch eine Trägheit, an diesem Augenblick haftend, wie das unsichtbare Netz eines Nordseefischers.
Ich atme, atme das schwere Parfüm ihres Körpers, das Fluidum unsere Nacht.
Ich atme.
Ich atme diesen Morgen, wie alle anderen Morgen mit ihr zuvor.
Ich atme ihr Wesen, wie all die bisherigen Leben mit ihr.
Ich atme sie.
Ich atme sie ein und nie wieder aus.
Wenn ich sie berühre, wenn meine Hände die Landschaft ihres Körpers wieder und wieder erkunden, sie gewissenhaft kartografieren, damit mir auch kein noch so winziges Detail unentdeckt bleibt, dann ist es, als tropfe aus meinen Fingern wie Regen meine Seele in die warme Geborgenheit der ihren.
So, als könne ihre Haut mich trinken, als füllten wir einander gegenseitig, ohne uns zu erschöpfen.
Wann immer unsere Körper sich finden, wann immer das eine Wesen, das wir zusammen als Einheit ergeben, in unserer Umarmung entsteht, finden wir Frieden.
Wir vergessen für die Kostbarkeit dieser Momente jene Wüsten, durch die wir einander treiben, durch die wir unsere Liebe auf gnadenlose Teststrecken jagen. Wir vergessen die Ödländer, in die wir dann dem anderen in stiller Verzweiflung folgen.
Ich atme sie ein.
Ihre Seele als mein Atem.
Die Meine als der ihre.
Und im Wahnsinn unseres Kusses begreifen wir aufs Neue:
Ohne einander gibt es kein Morgen, keinen Traum, keinen Atem mehr.

David P. Pauswek – Der Andersmensch

© 2014 by David P. Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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