Eine schöne Zeit


Auf Kreta, der heißesten und trostlosesten Insel Griechenlands, irgendwann im August des Jahres 1998.
Es war ein langweiliger Urlaub.
Die Zeit verbrachte ich mit Sonnenbaden und Trinken. Manchmal schrieb ich ne Kleinigkeit.

Einmal, als ich vor Langeweile verrückt zu werden drohte, packte ich meine Sachen und wanderte in die Berge.
Es war heiß, sehr heiß, und ich war alleine.
Ich wanderte so vor mich hin, da entdeckte ich in einiger Entfernung eine Gestalt, die mit etwas Schwerem den Berg vor mir hoch wollte. Das fesselte meine Aufmerksamkeit. Ich steuerte auf die Gestalt zu und als ich näher kam, entpuppte sie sich als ein schlimm ausgezehrter Mann mit langem Haar, langem Bart, gehüllt in ein um die Hüften geschlungenes Tuch aus Leinen. Am Kopf trug er eine Dornenkrone und auf den Buckel hatte er sich einen gewaltigen Balken gehievt.
„Du?!“ entfuhr es mir unwillkürlich.
„Sei gegrüßt, junger Freund!“ erwiderte er gelassen, aber schwer keuchend.

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ich begriff, welcher Film da vor mir ablief.
„Sag, hättest du wohl die Freundlichkeit, mir dabei behilflich zu sein, diesen Balken da auf den Berg rauf zu bringen?“ fragte er sehr höflich. „Ich muss da nämlich rauf. Die wollen mich doch kreuzigen und ich fürchte, ich bin schon ziemlich spät dran.“
„Na, das kannst du wohl annehmen“, entgegnete ich. „Ich würde mal sagen, du hast so an die 2000 Jahre Verspätung.“
„Oh, doch schon so viel? Na, dann sollte ich mich wohl ordentlich sputen, was?“ lächelte er verlegen.
„Ich glaube, du kannst dir die Mühe sparen“, versuchte ich zu erklären. „Es gibt keine Römer mehr, die Juden haben sie zwischen 1939 und 1945 versucht zu vergasen und Kreuzigungen halten wir schon lange keine mehr ab – zumindest nicht in dieser Form. Jetzt haben wir Atomkraftwerke, Umweltverschmutzung, Ozonlöcher, die Kinder nehmen Drogen, hören Techno-Musik und die Christliche Kirche liegt in den letzten Zügen.
Ich würde mal sagen, du hast Pech.
Sag, wo hast du eigentlich die ganze Zeit über gesteckt? – Wir hätten dich mehr als einmal dringend gebraucht.“

Der Mann ließ den Blaken fallen, wischte über seine Schulter, kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand und sagte: „Jesus. Jesus von Nazareth. Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen!“
„Ganz meinerseits“, gab ich zurück.
„Wollen wir was trinken gehen?“ lud ich ihn ein.
„Keine schlechte Idee. Ich bin sowieso ziemlich abgespannt. Du weißt ja wie das ist – schlechter Job, miese Bezahlung. Und wenn es wirklich so ist, wie du sagst, dann kann ich getrost Feierabend machen“, nahm er bereitwillig an und warf die Dornenkrone in den Acker.

Nun, wir wanderten zurück in das kleine Dorf an der Küste, nahmen in einer Taverne Platz und zischten ein paar kühle Biere. Dabei redeten wir und redeten, bis es Abend wurde.
Ich lud ihn ein mit zum Strand zu kommen wo die Hippies hausten, wo jede Nacht Party war mit Lagerfeuer, Gitarren und ner Menge Rakija und Ouzo.
Ich stellte ihn den Freunden vor. Man mochte ihn. Besonders die Mädchen waren angetan. Zugegeben, er sah nicht übel aus und er passte dazu. Er konnte trinken, drehte die schönsten Joints, hatte eine Menge Geschichten auf Lager.
Ab und zu verschwand er mit einem Mädchen, bis dann beide etwas später strahlend und glücklich grinsend wieder in unserer Runde auftauchten.
Man bat ihn um ein paar Wunder wie Wasser in Wein zu verwandeln, wenn uns wieder mal die Kohle dafür fehlte, oder ne Brandblase, ne Schürfwunde zu heilen.
Einer hatte Zahnschmerzen. Auch das kriegte er weg.
Am besten gefiel uns die Nummer mit dem „Übers Wasser gehen“. Mehrmals in einer Nacht musste er einige Meter vom Strand seine Runden übers Meer spazieren.
Wir applaudierten jedes Mal, besonders dann, wenn er wie verrückt auf den Wellen einen Tanz á la John Travolta hinlegte.

Wir alle waren mächtig gut drauf und hatten eine Menge Spaß.
So verbrachten wir einige Wochen gemeinsam.
Wir wurden richtige Freunde, doch dann kam der Abschied.
Mein Flugzeug ging am Abend.

Jesus und ich saßen bei einer Flasche Rezina.
„Tja, ich muss dich verlassen“, sagte ich traurig.
„Ich weiß“, bestätigte er.
„Werden wir einander wiedersehen?“ wollte ich wissen.
„Weiß nicht“, kam zurück.
„Ich werde dich vermissen, Kumpel“, und ich legte meine Hand auf seine Schulter.
„Ich vermisse dich jetzt schon“, entgegnete er mit traurigem Blick.
„Was wirst du jetzt machen?“ interessierte es mich.
„Keine Ahnung. Vielleicht bleibe ich noch eine Weile hier. Hier gefällt’s mir. Naja, und dann suche ich mir vielleicht einen Job.“
„Als was?!“
„Ach, ich dachte dabei an so etwas wie DJ, Rockstar oder Schriftsteller.“
„Wie wäre es mit Politik?“ schlug ich vor.
„Ach nein, hör auf damit! Ich eigne mich doch nicht für so etwas. Ich bin Freidenker. Ich könnte niemals…“
„Ja, ja. Schon gut. War ja bloß ein Vorschlag. Du könntest mir mal schreiben.“
„Werde ich machen“, versprach er.

Mein Taxi kam.
Wir umarmten und küssten uns.
Ich stieg ins Taxi.
Er winkte.
Man fuhr mich die Serpentinenstrasse zum Flughafen und ich dachte, dass alles seine Richtigkeit hat und dass niemand dagegen etwas unternehmen konnte und dass es gut ist wie es ist.
Jedenfalls hörte ich nie wieder etwas von ihm.
Vielleicht ist er heute noch in Lentas, dem kleinen Fischerdorf auf Kreta, und macht für ein paar Hippies den Narren.
Wer weiß.
Ich liebte ihn.

– David Peterson Pauswek (1998)

© 2011 by David Peterson Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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