Plädoyer für das Ego



Ich möchte zu später Stunde ein Plädoyer für das arme Ego halten. Allerdings bin ich mir dessen bewusst, dass wohl einige Unkenrufer, vor allem die Erz-Esoteriker unter den Lesern, mir nach der Lektüre dieses Artikels erbost werden Räucherstäbchen an den Kopf werfen wollen für diese Freveltat meiner ganz persönlichen Erkenntnisse, die ich mit Freuden in hübsche Worte kleide, um sie so besser an den Mann und seine Frau zu bringen. Aber, wie einige meiner Stammleser bereits wissen, lehnt sich der Andersmensch gerne aus dem Fenster – nicht zuletzt wegen des sich dadurch erweiternden Horizontes, der zweifelsohne einen besseren Fokus auf die Sachverhalte bietet, als würde ich hinter den Gardinen meines Geistes die Welt betrachten.

Dies sei mal vorweg erwähnt.

Nun aber zur Sache: Wir gehen mit dem allzu sehr missachteten Ego äußerst lieblos um, sind geneigt, ihm zuweilen die Schuld für so vieles zuzuschreiben. Ja, es wird geradezu verteufelt, doch das ist dem Ego gegenüber einfach nicht fair, wie ich meine. Den Teufel haben wir abgeschafft, um ihn postwendend gegen einen neuen zu tauschen – das Ego. Wurde in früheren Zeiten jeder menschliche Abgrund als Werk des Teufels bezeichnet, so hat man heute bloß den Terminus gewechselt – aus „Teufel“ wurde „Ego“. Das ist weder ein wirklicher spiritueller Fortschritt noch ist es dem Ego, dem Ich, gegenüber gerecht.

Das Ego ist (welch Wortspiel) unser größter Segen. Hätte unser Selbst kein Ego erschaffen, gäbe es im Grunde gar kein lebendiges, wachsendes, erkennendes Selbst. Das Göttliche Selbst benötigt nämlich sein illusorisches Gegenteil, sein fiktives Contra, um erfahrbare Wirklichkeit werden zu können. Erst das Ego macht uns zu individuellen Erscheinungsformen des Einen, der wir wirklich sind. Es stellt eine vollkommene, natürliche Abgrenzung zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ her, die nötig ist, um sich als Individuum zu erkennen. Es ist außerdem unser Anker in der Welt. Gäbe es das Ego nicht, wären wir weiterhin die still in sich ruhende Allgegenwart Gottes vor dem Urknall. Das Resultat wäre dann zwar universelle Allwissenheit und vollkommene Einheit auf allen Ebenen, aber auch schlichtes Nicht-Sein auf der Erfahrungsebene Gottes. Kurzum: göttliche Langeweile.

Weil wir aber geniale Seelen sind, schufen wir uns ein Ego. So weit so gut. Jetzt werden sich einige die berechtigte Frage stellen, was wir denn von dem oft groben, rücksichtslos anmutenden Verhaltend des Egos denken sollen. Eifersucht, Gier, Neid – all das sind Dinge, um nur einige zu nennen, die das Ego hervorbringt. Dem pflichte ich vorbehaltlos bei. Allerdings bringt es aber auch Kunstwerke, Musikstücke und ähnlich schöne Erscheinungsformen hervor, denn das Ego will unter anderem auch als Künstler Bewunderung finden. Und nicht nur das. Jeder Heiler, Weltlehrer oder Prophet tut seine Werke nicht aus reiner Egolosigkeit und Nächstenliebe – es ist auch sein Ego, welches ihn dazu anstiftet. Das Ich möchte glänzen, herrlich sein, Achtung und Anerkennung erheischen.
– Gott findet also gefallen an sich selbst durch das Ego!

Hat nun Gott auch ein Ego? Die Frage müsste eigentlich jeder Denkende für sich selbst bereits beantwortet haben, denn die Antwort liegt auf der Hand: Ja, natürlich hat Gott auch ein Ego! Er hat sogar alle Egos des gesamten Universums – Gott erscheint in Form all dieser Egos, denn wenn alles, was ist, Gott ist, dann ist demnach auch das Ego Gott. Aus dem All-Einen darf nichts herausfallen, sonst ist das All-Eine nicht mehr all-eins.

Natürlich ist das Ego in Wahrheit ohne echte Existenz, da es bloß Illusion ist, doch auch die Illusion findet innerhalb der Göttlichkeit statt. Die Ego-Ebene ist eine Erfahrungsmatrix für die Erscheinungsformen des Einen in der Vielfalt von Alldem-Was-Ist. Das Eine teilt sich in unendlich viele Individuationen, die sich auf der Erfahrungsebene durch das Ego voneinander abheben – ohne Ego ist das nicht möglich, also ist das Ich (das Ego) innerhalb der Erfahrungsmatrix eine Notwendigkeit.

Wer so weit folgen konnte (mochte), wird wohl fragen: Wie sollen wir nun mit den Bedürfnissen des Egos umgehen, wo doch alle Meister sagten, wir müssten das Ego besiegen? – Nun, ich schlage vor: Befriedigen wir sie! Befriedigen wir die Wünsche des Egos, als würden wir mit einem weinerlichen Kind umgehen. Und in der Tat ist es das ja auch – unser Kind, unser Geschöpf. Wir haben es geschaffen, und es führt kein Weg an den Erfahrungen vorbei, die wir durch das Ego machen müssen, oder besser gesagt, machen wollen, denn deshalb sind wir hier – um Erfahrungen zu machen. Dazu erschufen wir unter anderem auch unsere Egos.

Als Yahshua sagte: „Man hat euch gelehrt, eure Freunde zu lieben. Ich aber sage euch, liebet eure Feinde, denn wenn ihr nur die liebt, die auch euch lieben – was wäre dann euer Lohn?“, da meinte er, meiner Auffassung nach, wir sollen nicht nur die Feinde außerhalb unserer selbst lieben, sondern gerade auch die uns immanenten Widersacher. Dadurch verschwinden sie, denn: Was du ansiehst, das verschwindet – dem, dessen du dich widersetzt, das bleibt bestehen.

Also, sehen wir das Ego ruhig an! Beachten wir es, denn nur das wünscht das Ego. Geben wir ihm das, wonach es ihm verlangt. Verfallen wir dabei aber nicht dem Irrtum, uns für das Ego zu halten; verstricken wir uns nicht noch tiefer in die Identifikation mit dem Ich, sondern finden wir den Weg aus der Identifikation heraus. Denn wir sind nicht das Ego, wir sind nicht das Ich. Unser Kern ist weit erhabener. Unser Kern ist reinste Liebe, unser Kern ist das Göttliche Selbst in Liebe. Und diese Liebe geben wir auch unserem Ego. So kommt das Ego zu dem, was ihm, wie allen Ausdrucksformen Gottes, zusteht – Liebe! Nur durch Liebe und vollkommene Akzeptanz unseres Egoismus können wir ihn „überwinden“. Nur so ist es möglich, das Ego zu transzendieren. Dabei sollten wir aber nicht dem Trugschluss erliegen, zu denken, es würde sich zwar der Geist und die Seele entwickeln und wachsen, nicht aber auch unser Ego. Das wäre ebenso töricht, als glaubten wir, bei einem Baum würden nur die Äste, Zweige und Blätter wachsen, die Wurzeln und der Stamm jedoch nicht, nur weil wir deren Wachstum nicht sehen können – auch das Ego, auch das Ich entwickelt sich im Sinne der Evolution.

Jeder Meister hatte ein Ego, nur verlangte es diesem Ego nach anderen, „höheren“ Dingen, als dies etwa beim Ego eines primitiven Geistes der Fall ist.
Ich fordere deshalb: Mehr Liebe und Mut zum Ego – es wird es uns danken durch sein Schweigen!

Die Kunst der Bewusstwerdung ist es unter anderem auch, zu erkennen, wann es angebracht ist, sein Ego zu „stillen“ wie einen Säugling, der schreit, und wann Zeit für die reinen Bedürfnisse der Seele ist. Tägliche Meditation in Stille wird uns die nötige Klarheit bringen.

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© 2011 text by David P. Pauswek – der Andersmensch. All rights reserved.


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