Abschiede


An jenem Abend gönnte er sich einen seiner geliebten Spaziergänge durch den Bezirk. Am Rückweg hielt er ein Telefonat mit seiner besten Freundin, weshalb er im Plaudern versunken nicht auf den Weg achtete, und so lief er an einer Tafel vorbei, die sich ins Halbdunkel unter einen Kastanienbaum am Augarten duckte, auf der mit bleicher Kreide geschrieben stand:
Die Hasen sind da! (Was zu Ostern nichts bedeuten muss.)

Dann entschloss er sich, in der Wohnung der Großmutter – sie ist seit Anfang des Jahres im Seniorenheim – vorbeizuschauen. Es gab keinen Strom mehr, die Zimmer waren komplett geräumt und plötzlich tat es weh. Es tat weh, weil er die Wohnung seit seiner Geburt kannte und sich an die Abende mit dem Großvater erinnerte, der im Bett Geschichten las und Kinderzeichnungen am Morgen interpretierte. Und es tat weh, weil sich ebenso Erinnerungen an die Nächte mit Großmutter ins Gedächtnis drängten, als man schwarzweiß Dracula im TV schauen, aber der Mutter nichts davon erzählen durfte. Schillernde Bilder aus Kindertagen von Weihnachten, die sogar noch als Geruch in seinem Innersten lebendig wurden, die taten auch weh. Es tat weh, weil er nie wieder in der Wohnküche mit Großmutter sitzen würde, um ihre Fotoalben aus dem Herzen zu schauen, die als bunte Anekdoten erzählt wurden, während man Campari Rosso trank.
Es tat weh. Es tat so weh, dass er die drei Stockwerke hinunter, vorbei an den Agaven der Großmutter, in einem Gangfenster ihren Platz behauptend, immer noch heulen und schluchzen musste.

Als er durch den Hof ging, verfiel er vor Wehmut in Trance, denn da verschmolz ein Abschied mit dem nächsten, und dann sah er vor seinem geistigen Auge die Kerzen der Menschen, die stellvertretend für ihre Leben brannten und im Wind flackerten. Mit jedem Tod eines Menschen erlosch eine und der Rauch verwehte in der Brise der Zeit. Mit jeder Geburt entflammte eine, doch niemand vermochte zu sagen, wie lange der jeweilige Docht das Flämmchen halten könne.

Während er die Treppe zu sich hoch ging – er hatte immerhin vier Stockwerke zu überwinden – da wurde ihm klar, dass all die Dinge, die Großmutter einst stolz ihr Eigen nannte, die sie pflegte und in Stand hielt, weil sie ihr so wichtig waren, nun nicht mehr sind. Von all den Gütern, für die sie gewiss auch gekämpft hat, ist nichts mehr übrig. Einzig allein sie, sie ist noch da – blind, geh-unfähig, gefangen in einem Körper, aufgebraucht und nahezu nutzlos als welke Hülle.

Doch eines konnte er retten: das Namensschild an ihrer Türe, auf dem vom Großvater in kunstvollen Lettern geschrieben stand: KLUG.
Und das war er auch, der Großvater – klug. Denn nomen est omen.

Ihm wurde klar: das schreckliche an Abschieden ist niemals der Abschied als solches, sondern die darauf folgende Gewissheit, dass niemals mehr wird, was einst war.

Da bleibt nur noch die Dankbarkeit für jedes Jetzt. Für jedes Jetzt! Für dieses und dieses und dieses Jetzt und für alle „Jetzts“, die noch kommen mögen. Denn eines Tages ist jenes Jetzt, das dir sagen wird, dass es jetzt vorbei ist…

– David Peterson Pauswek

© 2011 by David Peterson Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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4 Gedanken zu „Abschiede

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