Insomnia


Wenn man nach keinem festen Rhythmus wacht und schläft und noch dazu einige Schlafphasen ausgelassen hat, dann weiß man nicht mehr, welcher Wochentag ist, man verliert völlig das Gestern aus den Augen, weil es Gestern dann eigentlich nicht mehr gibt.
Alles ist ein kontinuierlich monochromes Jetzt in dem man nie richtig wach ist aber auch nie wirklich schläft.
Es gibt dann keine zeitliche Referenz mehr, alles verliert seine Position, ist wie in billige Watte gepackt. Kurzzeiterinnerungen werden breiig weich, verschwimmen auf der Kohlenstoff-Festplatte wie Fettschlieren am Fenster. Sanfte Euphorie umspült das Gemüt, ein wohliges Empfinden von Zeitlosigkeit legt sich über das Dasein. Der Körper ist in der Lage, diesen rauschhaften Zustand eine ganze Weile zu halten, während der Geist frohlockt in seiner kindlichen Rastlosigkeit.
Schlaf erscheint als profan störende Unterbrechung des Lebensflusses. Der Kopf kommt angenehm zur Ruhe, alles, was bleibt, sind blinde Impulse, die Handlungen ermöglichen, zu denen man sonst gar nicht fähig ist.
Keine Gedanken, außer jene, die der Arbeit dienen. Arbeit, vom höheren Selbst ausgeführt.
Nur die Gefühle, die ändern sich nicht. Sie bleiben bestehen, offenbaren den wahren Kern des Selbst, welches eher Gefühl, denn Gedanke ist.
ICH BIN Gefühl. Ich bin permanente Wehmut, ständig ziehende Sehnsucht, aber auch ewige Liebe und Leidenschaft. ICH BIN frei. Ich schlafe nicht, aber esse, fühle und handle, wann und wie es mir beliebt.
Doch das, was ich wirklich möchte, wonach mir im Kern dürstet, liegt bloß einen unerreichbaren Atemzug entfernt und ich kann heute sagen, dass das Universum ziemlich laaaaangen Atem hat.
Und so schlichte ich neben meiner Arbeit Zeiträume, ordne Gefühle und katalogisiere Erinnerungen im Archiv meiner Seele.
Manche Bilder sehe ich nicht an, weil sie mich zu sehr schmerzen, andere betrachte ich ausgiebig und dehne ihren Anblick über Stunden hinweg, tauche tief in Erinnerung ohne dabei auf Dekompressionszeiten der Seele zu achten, doch selbst die schönsten Bilder bleiben unerreichbar aus dem watteweichen Jetzt, sind sie doch von bitteren Zäunen und Stacheldraht umgeben. Auf all diesen hat das Leben grelle Warntafeln angebracht, auf welchen geschrieben steht:

„Vergangenheitsgebiet! Betreten für immer verboten. MfG, die Zeit!“

– David Peterson Pauswek (2010)

© 2011 by David Peterson Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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