Der Autostopper


Der Autostopper steckt sich eine Zigarette an. Es könnte wie immer seine letzte sein.
Sein Rucksack – voll mit Erinnerungen – drückt schwer, ist längst verwachsen mit den müden Schultern. Vor ihm liegt ein unbekanntes Ziel.
Früher, sagt er, da wollte ich hierhin und dorthin, wusste genau, was ich will. Heute ist es gleich, wer mich nach Irgendwo oder Überall bringt. In tausend Betten habe ich geschlafen, tausend Mädchen habe ich geliebt, tausend Freunde habe ich verloren. Aber du weißt nicht, wie das ist…

Er öffnet sich noch ein Bier.
Das Bier ist kalt, doch es schmeckt ihm nicht.
Es hat mir nie geschmeckt, erklärt er, aber ich habe mich daran gewöhnt.
Früher, da lebte ich gesünder, doch der Durst nach Leben bringt dich dazu, manches zu tun und noch ein Wenig mehr.
Jetzt kenne ich das Licht des Sonnenuntergangs, schmecke Staub, Diesel und Blut, fühle den Wind auf meiner Haut, grüße die Sterne und heule zum Mond.
Aber du weiß nicht, wie das ist…

Geübt fummelt er sich einen kleinen Stein aus dem Schuh, rückt seinen Hut zurecht und streckt den Daumen gen Westen.
Früher, erzählt er, da hatte ich Familie, ’nen flotten Wagen, einen guten Job. Man hat mich geschlagen, betrogen, missbraucht und belogen. Ich wurde geliebt, verehrt, geküsst und begehrt. Sie nannten mich einen Mörder, einen Lügner, einen Sünder, eine Hure. Aber das war schon immer so. Der reiche Mann lacht über den Armen, vögelt seine Frau und zahlt geringen Lohn dafür. Der Gewinner triumphiert, der Verlierer verliert, der Tapfere weint und geht.
Es gibt niemand, der dir deinen Rucksack trägt und Vieles treibt dich hinaus, nimmt dich ein Stück des Weges mit, lässt dich wieder zurück auf dieser Straße. Und es ist besser, wenn sich manche Träume nicht erfüllen, denn Vieles kann zum Albtraum werden, hier, auf dieser Straße.
Aber du weißt nicht, wie das ist. Weißt wirklich nicht, wie das ist…

Kein Wagen kommt seit Stunden, darum geht er seinem unbekannten Ziel entgegen.
Deutlich bricht sich seine Gestalt gegen die gewaltige Glut einer untergehenden Sonne, wird immer kleiner in der Ferne.
Der unsichtbare Schrei eines Adlers gellt in den Abend. Eine Klapperschlange fließt unter einen sehr alten Stein. Der Wind bringt Disteln zum Zittern und ganz lässig kommt die Nacht mit ihrer magischen Versöhnlichkeit.
Der Autostopper verschmilzt mit der sinkenden Sonne und noch immer ist es ihm gleich, wohin die Straße führt.

– David Peterson Pauswek (1998)

© 2011 text by David P. Pauswek der Andersmensch. All rights reserved.


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