Von der Inszenierung des Dramas


Manchmal nimmt man ein Detail wahr, den Bestandteil einer Sache oder Situation, die selbstverständlich grösser ist als jenes Detail, umfassender als jener winzige Ausschnitt des Gesamtbildes, die Sache selbst in ihrem vollen Umfang aber erkennt man nicht, weil einem die Zusammenhänge fehlen, es am erweiterten Fokus mangelt.

Jeder ist grossartig darin, sich anhand von wenigen Details einen eigenen Film im Kopf zu drehen. Die wichtigsten Protagonisten in diesem Film – hochbezahlte Schauspieler, deren Gage stets ein enorm schlechtes Gefühl bedeutet – sind Vorurteil & Angst. Diese Beiden treten ausschließlich im Duo auf und tragen die gesamte dramatische Handlung des Kopfkinos, welches meist tragischer Natur ist.

Filme dieser Art sind durchwegs farbenprächtig und kunstvoll inszeniert, während sich im Bauch Gefühle formieren zu einem hässlichen Tanz. Da spielt die Angst das Lied vom Verlust und die Eifersucht hält eine glühende Rede an den Verstand. Dieser zeigt sich bereits trunken von all dem inneren Chaos und ist daher als eigentlicher Gastgeber nicht mehr in der Lage, das schaurige Spiel zu ordnen. In der Mitte dieses Festes der üblen Illusion weilt das Herz. Es schlägt zwar stoisch die Trommel der Wahrheit, doch von den Gästen nimmt keiner den Rhythmus wahr. Das lautstarke Geplapper einer gemeinen Schar ungebetener Gäste – hässliche Zwillingspärchen, genannt „Zweifel“ – übertönt ungeniert jeglichen Ruf der Wahrheit. Gedanken wirbeln, das Gefühlskarrussel dreht sich, bis einem übel wird.

Aber: Alles in solchen Kopfkinos ist Illusion. Der Billeteur, die Zuschauersitze, die Megaportion Popcorn, sogar die Leinwand, auf die der Film projiziert wird, und natürlich der Film selbst – Illusion. Streifen dieser Art sind zwar meist Oscar-verdächtig in Szene gesetzt, tragen jedoch stets den Stempel der Fiktion, denn mehr als Fiktion stellen sie nicht dar. Vorerst!

Wer also anhand eines beobachteten Details, eines winzigen Ausschnitts des Gesamtbildes seine Schlüsse zieht, der wird durch Kopfkino dieser Art reichlich entlohnt.
Und tatsächlich inszenieren wir täglich massig solcher B-Movies, die aber leider unsere Realität werden, denn Kopfkino ist ein machtvolles Schöpfungswerkzeug, vor allem, wenn wir es mit Emotionen und Gefühlen zur multimedialen Erfahrung machen.

Was aber dagegen unternehmen?

Nun, mein Vorschlag: betrachte die ganze Sache in ihrem vollen Umfang. Geh auf Distanz zu dem Detail. Nimm eine Perspektive ein, die dich mehr erkennen lässt. Handelt es sich dabei um eine Situation zwischen dir und einem anderen Menschen, dann geh zu dieser Person, suche das Gespräch, frage ganz einfach nach.
Dazu nimm allerdings ein paar Dinge mit: Offenheit, Vertrauen, Bereitschaft.

Manchmal musst du nur drei Sätze aus dem Mund dieses Menschen hören, um klar zu sehen, um zu erkennen, dass für einen wirklich guten Film ein umfangreicher Plot nötig ist und nicht bloss ein Satz, ein Wort oder eine Geste.

Gründe deine Urteile deshalb niemals auf Details; und so du nicht mehr erkennen kannst als Details, lass das Urteil sein. Hole mehr Informationen ein, bis du das ganze Bild erkennen kannst. Ist dir das nicht möglich, dann triff die bewusste Wahl, wie es für dich aussehen soll und dreh dir demgemäß einen Film im Kopf mit Happy End. Oder lass das Ende offen, aber achte dabei auf ein positives Gefühl, das es zu bewahren gilt, bis sich die Sache von selbst klärt, denn irgendwann klärt sich jede Sache auf vollkommene Weise.

So ersparst du dir hausgemachte Dramen und etliche Missverständnisse in deinem Leben, denn wenn du dem Detail erlaubst, der Auslöser für Kopfkino minderer Qualität zu sein, kannst du deinen sich ständig wiederholenden Realitätsmustern nicht entkommen. Du inszenierst sonst immer wieder den gleichen Film in einer neuen Version.

Denke weitläufig, denke grosszügig, schaffe dir keine Dramen mehr!

– David Peterson Pauswek (Gedankenornamente by Hanna Severin)

© 2011 by David Peterson Pauswek. Der hier veröffentlichte Text unterliegt einer Creative Commons Lizenz.
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